Begegnungen am einsamen Cassiar Highway
Am Morgen kroch ich aus meinem Zelt. Draußen waren es gerade einmal etwa 1 °C, und in der Nacht hatte es sogar ein wenig geregnet. Zum Glück hatte der Regen am Morgen aufgehört, doch die Kombination aus Kälte und Feuchtigkeit machte den Start in den Tag trotzdem ziemlich ungemütlich. Nach meinem Frühstück brauchte ich eine Weile, bis ich mich durch die Kälte langsam in Bewegung setzte.
Zunächst fuhr ich noch die letzten Kilometer auf dem Alaska Highway, bevor ich schließlich auf den Cassiar Highway abbog. Rund 800 Kilometer zieht sich diese abgelegene Straße durch die Wildnis – ähnlich einsam wie der Dalton Highway. Der große Unterschied: Hier ist die gesamte Strecke asphaltiert. Gleichzeitig hieß es für mich Abschied vom Yukon zu nehmen. Nun ging es nach British Columbia, durch das ich in den kommenden rund 1.700 Kilometern unterwegs sein würde.
Die ersten Kilometer auf dem Cassiar Highway waren bereits ordentlich hügelig. Es ging ständig bergauf und bergab, während um mich herum nur die weite Wildnis lag. Nach etwa 30 Kilometern öffnete sich plötzlich eine große, tundraähnliche Landschaft. Hier hatte offenbar irgendwann ein gewaltiger Waldbrand gewütet. Überall standen nur noch schwarze, abgestorbene Baumstämme. Aus der Zerstörung war eine völlig eigene, faszinierende Landschaft entstanden.
Und genau hier begegnete mir mein erstes großes Wildtier des Tages – völlig unerwartet stand plötzlich ein Bär direkt neben der Straße.
Wegen des Gegenwinds hatte er mich offenbar weder gehört noch gerochen. So fuhr ich tatsächlich bis auf ungefähr fünf Meter an ihm vorbei. Wir schauten uns beide ziemlich verdutzt an. Ich fuhr zunächst weiter, hielt aber nach etwa 20 Metern wieder an, um mich noch einmal umzudrehen. Es war ein Schwarzbär.
Ich hatte bereits gehört, dass auf diesem abgelegenen und sehr naturnahen Highway zahlreiche Bären unterwegs sind. Dass ich allerdings schon so früh einem begegnen würde, hatte ich nicht erwartet. Von diesem Moment an fuhr ich mit einem ganz anderen Respekt durch die Landschaft und fragte mich bei jedem Geräusch und jedem Blick ins Gebüsch, was wohl als Nächstes neben der Straße auftauchen könnte.
Wenig später entdeckte ich in der ersten Baumreihe neben der Straße einige wilde Hühner. Besonders der Hahn war gerade mitten in der Balz und präsentierte sich ausgiebig vor seinen Damen. Es war spannend, dieses völlig natürliche Schauspiel einfach vom Fahrrad aus beobachten zu können.
Je weiter ich kam, desto höher führte mich die Straße in die Berge. Einige Kilometer später hielt plötzlich ein weißer Kastenwagen neben mir. Der Fahrer fragte mich, ob ich etwas brauche. Als ich ihn fragte, was er denn dabeihabe, öffnete er kurzerhand seine Vorräte und schenkte mir Kekse, anderes Gebäck, Softdrinks und sogar Energy-Drinks. Diese völlig unerwartete kostenlose „Getränkelieferung“ war einfach großartig.
Solche Begegnungen zeigen mir immer wieder, wie hilfsbereit Menschen sein können – gerade an Orten, an denen man selbst vielleicht nicht damit rechnet.
Später kam ich an einer Servicestation vorbei, die laut Google Maps eigentlich geöffnet sein sollte. Vor Ort stellte sich jedoch heraus, dass sie geschlossen war. Dafür traf ich dort ein deutsch-italienisches Paar. Die beiden erzählten mir, dass sie bereits seit über 25 Jahren mit ihrem Camper durch die Welt reisen und dabei schon unzählige Länder kennengelernt haben. Es war unglaublich inspirierend, mich mit ihnen über diesen besonderen Lebensstil auszutauschen. Sie waren sehr offen und herzlich und gaben mir am Ende sogar noch etwas von ihrem Essen ab, nachdem sie mitbekommen hatten, dass die Servicestation geschlossen war.
Da wir uns lange unterhielten, wurde es schließlich später als geplant. Meinen ursprünglich vorgesehenen Schlafplatz würde ich nicht mehr erreichen. Gleichzeitig zog vor mir eine Schneefront über die Berge und kam immer näher. Als ich schließlich an Jade City vorbeikam, beschloss ich deshalb, nach einer Unterkunft zu fragen.
Jade City klingt zunächst nach einer richtigen Stadt. Tatsächlich besteht der Ort im Wesentlichen aus einem kleinen Souvenirgeschäft und einigen Bungalows.
Während ich überlegte, ob ich mir dort eine Unterkunft leisten könnte, kam gleichzeitig ein Mann mit seinem Auto an. Er stellte sich als AJ vor und erzählte mir, dass er gerade von Alaska in Richtung Colorado unterwegs war. Auch er suchte noch eine Unterkunft für die Nacht.
Ein Bungalow kostete normalerweise 190 Dollar pro Person – für mich völlig außerhalb des Budgets. AJ hatte jedoch eine großartige Idee: Er würde den Bungalow bezahlen und bot mir an, meine Isomatte einfach auf dem Boden auszubreiten und mit ihm gemeinsam dort zu übernachten.
Was für ein unglaubliches Angebot! So blieb mir nicht nur eine kalte und möglicherweise nasse Nacht im Zelt erspart, sondern ich konnte mich endlich wieder richtig aufwärmen.
Noch dazu stellte sich heraus, dass der Mitarbeiter des kleinen Souvenirshops und der Bungalows Deutscher aus Hannover war. Er arbeitet hier weit draußen in der Wildnis, weil er die Landschaft liebt und hier gleichzeitig gut verdienen kann. So saßen wir schließlich zu dritt zusammen und unterhielten uns noch lange über unsere Reisen, das Leben und die unterschiedlichsten Wege, die Menschen einschlagen können.
Nach einer heißen Dusche – die sich nach diesem kalten Tag wie das reinste Paradies anfühlte – machte ich mir eine große Portion Pasta. Danach unterhielt ich mich mit AJ noch lange über Gott und die Welt.
Erst gegen 1:00 Uhr nachts legten wir uns schlafen.
Nach diesem ereignisreichen Tag mit Bär, Wildnis, unerwarteten Begegnungen und einer spontanen Unterkunft war ich einfach nur froh, endlich warm und trocken zu sein. So konnte ich schließlich tief und zufrieden einschlafen.










