Zwischen Gastfreundschaft und Realität in den Bergen Timors
Am heutigen Morgen ging es für mich wieder früh aufs Rad. Zunächst führte mich die Strecke durch Atambua. Auf dem Weg aus der Stadt heraus, wo unzählige Roller und Autos unterwegs waren, traf ich auch eine Gruppe Schüler, die mich ein Stück begleiteten. Mit gebrochenem Englisch versuchten sie, mir verschiedene Fragen zu stellen. Vor allem hier in Indonesien höre ich ständig zwei Worte von den Menschen am Straßenrand: „Bule“, was so viel wie „Ausländer“ oder „Mensch mit heller Haut“ bedeutet, und „Mister“. Diese Rufe begleiteten mich den ganzen Tag über die Straßen und durch die Berge im Landesinneren.
Die Anstiege waren häufig sehr steil und brachten mich schnell ins Schwitzen. Gleichzeitig merkte ich immer deutlicher, dass diese Region kaum touristisch erschlossen ist. Unterkünfte sind hier selten, und auch sonst trifft man nur wenige Reisende. Mein Mittagessen bekam ich wieder in einem kleinen Dorf: Reis, Gemüse und Eier – einfach, aber lecker und sättigend.
Schon an den Blicken und Reaktionen der Menschen merkte ich, dass ich hier eine Besonderheit war. Mit dem Fahrrad unterwegs und dazu noch europäisch aussehend, zog ich viel Aufmerksamkeit auf mich. Dennoch waren die Begegnungen durchweg freundlich. Immer wieder wurde ich gegrüßt, angesprochen oder neugierig beobachtet.
Am Nachmittag ging es über weitere Berge und durch einige überraschende Regenschauer bis nach Noemuti. Dort begann ich nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu suchen, da ich weder ein Homestay noch eine andere Unterkunft finden konnte. Zunächst zeigte mir ein Einheimischer ein altes, verlassenes Haus, in dem ich hätte schlafen können. Kurz darauf bot er mir jedoch an, stattdessen bei seiner Familie zu übernachten. Dieses Angebot nahm ich natürlich dankend an.
Allerdings wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sein Zuhause über zehn Kilometer von der Hauptstraße entfernt lag. Er fuhr mit seinem Motorroller voraus, während ich ihm mit dem Fahrrad folgte. Anfangs war die Straße noch gut ausgebaut, doch irgendwann bogen wir auf eine kleine Nebenstraße ab. Der Weg wurde zunehmend schlechter und führte immer weiter bergab. Während ich hinunterrollte, wusste ich bereits, dass ich diese Strecke am nächsten Morgen wieder hinauffahren musste.
Nach rund sieben Kilometern auf dieser Nebenstrecke erreichten wir schließlich sein Haus. Dort angekommen, durfte ich mich erst einmal mit einer Schöpfkelle und einem Wasserbottich waschen und frische Kleidung anziehen. Anschließend bereitete seine Familie ein leckeres Abendessen für mich zu. Es gab indonesische Nudeln, eine große Portion Reis und als besonderes Highlight getrocknete Bananenchips – ganz ohne Zucker oder andere Zusätze.
Am Abend saßen wir gemeinsam mit einigen Nachbarn zusammen. Natürlich waren alle neugierig auf den ungewöhnlichen Gast aus Europa. Mithilfe meiner Übersetzungs-App konnten wir uns erstaunlich gut unterhalten. Dabei erfuhr ich viel über ihr Leben.
Sie erzählten mir, wie schwierig es sei, hier Geld zu verdienen. Fast alle Dorfbewohner bauen dieselben Produkte an, wodurch ein großes Überangebot entsteht. Die Preise sinken, die Konkurrenz steigt und die Einnahmen werden immer geringer. Als ich fragte, was sie sich von der Politik wünschen würden, antworteten sie, dass sie sich mehr Unterstützung erhoffen, um ihrer Familie ein besseres Leben ermöglichen zu können. Demonstrationen oder Proteste würden ihrer Meinung nach jedoch nichts verändern, da sie kaum Gehör fänden und ohnehin nicht erwünscht seien.
So leben viele Familien hier mit dem Nötigsten. Die Arbeit ist hart, die Perspektiven begrenzt. Dennoch beeindruckte mich ihre Einstellung. Sie akzeptieren ihre Situation, weil sie glauben, sie nicht verändern zu können. Stattdessen legen sie großen Wert auf die Gemeinschaft im Dorf, die ihnen Halt gibt und das Leben trotz aller Schwierigkeiten lebenswert macht.
Diese Gespräche haben mich sehr bewegt. Es fällt schwer, solche Lebensrealitäten zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass ich aus freien Stücken und zum Vergnügen mit dem Fahrrad um die Welt reise, während andere Menschen täglich um ihre Existenz kämpfen. Diese Unterschiede wirken oft ungerecht und lassen einen nachdenklich werden.
Nach diesem eindrucksvollen Abend und vielen bewegenden Gesprächen legte ich mich schließlich in einer der einfachen Hütten auf eine dünne Schlafmatte. Müde von den vielen Kilometern, aber auch erfüllt von den Begegnungen des Tages, fiel ich schnell in einen tiefen Schlaf.












