Mitten in der Nacht zum blauen Feuer des Kawah Ijen
Mein Wecker klingelte um Mitternacht. Zum Glück hatte ich mir am Abend zuvor bereits alle Sachen bereitgelegt, sodass ich nur noch in meine Schuhe schlüpfen und nach draußen gehen musste. Trotzdem war ich völlig übermüdet – schließlich hatte ich nur sehr wenig Schlaf bekommen.
Nach etwa einer halben Stunde wurde ich abgeholt und zunächst zu einem Arzt gebracht, wo der Rest unserer Gruppe bereits wartete. Dort wurde ein kurzer Gesundheitscheck durchgeführt, um sicherzustellen, dass alle Teilnehmer fit genug für die Besteigung des Vulkans waren.
Anschließend ging es mit einem Kleinbus durch die stockdunkle Nacht über unzählige Serpentinen hinauf in die Berge. Nach rund anderthalb Stunden erreichten wir den Ausgangspunkt der Wanderung. Dort bekamen wir noch kleine Snacks, etwas zu trinken und die notwendige Schutzausrüstung. Diese bestand aus einer Gasmaske, einer Skibrille und einer Stirnlampe.
Um 3:00 Uhr öffnete sich schließlich das Eingangstor zum Aufstieg auf den Kawah Ijen. Der Weg war durchgehend steil und führte in zahlreichen Serpentinen etwa drei Kilometer bis zum Kraterrand hinauf. Entlang der Strecke gab es mehrere kleine Verkaufsstände, an denen Getränke und Snacks angeboten wurden. Gemeinsam mit unserer Gruppe und vielen weiteren Wanderern zog sich eine lange Lichterkette aus Stirnlampen langsam den Berg hinauf – wie eine Ameisenstraße in der Dunkelheit.
Am Kraterrand angekommen war es noch immer tiefschwarze Nacht. Von dort stiegen wir ein Stück in den Krater hinab, um das berühmte blaue Feuer zu sehen.
Dieses Naturphänomen entsteht, weil extrem heiße Schwefelgase – hauptsächlich Schwefeldioxid und Schwefelwasserstoff – aus dem Vulkan austreten und sich beim Kontakt mit Sauerstoff entzünden. Die dabei entstehenden blauen Flammen lassen den Eindruck entstehen, als würde blaue Lava fließen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um brennenden, flüssigen Schwefel und nicht um Lava.
Dieses Schauspiel war beeindruckend, allerdings auch von unzähligen Touristen umringt, die versuchten, das perfekte Foto zu machen.
Während es langsam hell wurde, stiegen wir noch weiter bis zum Grund des Kraters hinab. Dort konnte ich die gewaltigen Schwefelquellen und die brodelnden, giftigen Dämpfe – geschützt durch meine Gasmaske – aus nächster Nähe beobachten. Besonders faszinierten mich die Farben, die bizarren Gesteinsformationen und die fast surreale Atmosphäre dieses Ortes. Es wirkte wie eine Landschaft von einem anderen Planeten.
Als die Sonne langsam über den Bergen aufging, machten wir uns wieder an den Aufstieg zurück zum Kraterrand. Unterwegs begegneten wir den Schwefelarbeitern, die schwere Schwefelblöcke ohne jegliche Schutzausrüstung aus dem Krater trugen. Ihre körperliche Arbeit war enorm anstrengend, und dennoch verdienen sie dafür lediglich rund 150.000 Indonesische Rupiah – umgerechnet etwa acht Euro pro Tag.
Oben angekommen bot sich noch einmal ein beeindruckender Blick auf den türkisfarbenen Kratersee und die umliegenden Vulkane. Indonesien liegt schließlich auf dem sogenannten „Ring of Fire“, weshalb sich hier eine außergewöhnlich hohe Dichte aktiver Vulkane befindet.
Nach einer kurzen Teepause mit unserem Guide begann der lange Abstieg zurück zum Ausgangspunkt. In unserer Gruppe waren auch zwei Australierinnen, mit denen ich mich fast die gesamte Wanderung über unterhielt. Solche zufälligen Begegnungen schätze ich auf Reisen besonders – wenn Menschen offen aufeinander zugehen und man sich einfach ungezwungen austauschen kann.
Gegen 9:00 Uhr brachte uns der Kleinbus zurück zu meiner Unterkunft. Bereits am Vortag hatte ich vereinbart, dass ich mein Zimmer noch ein paar Stunden länger nutzen durfte, um etwas Schlaf nachzuholen. Das tat ich zwar, richtig erholsam war es aufgrund der Hitze jedoch nicht.
Am Nachmittag packte ich schließlich wieder meine Sachen und setzte meine Reise mit dem Fahrrad fort. Obwohl ich nach der kurzen Nacht deutlich müde war, wollte ich noch etwa 50 Kilometer zurücklegen. So würde die Etappe am nächsten Tag mit rund 135 Kilometern perfekt bis zum nächsten Vulkan passen.
Die Strecke führte erneut über einige Anstiege, da sie an einem weiteren Vulkan vorbeiging. Trotz der Müdigkeit erreichte ich am Abend mein Ziel. Ich fand ein gutes Homestay mit Klimaanlage, gönnte mir in einem Restaurant eine große Portion Reis, kaufte im Supermarkt noch ein paar Vorräte ein und fiel anschließend völlig erschöpft ins Bett.












