Speichenbruch, Platten und ein Tempel als Rettung
Am heutigen Morgen ging es für mich wieder sehr früh los, denn eine anspruchsvolle Bergetappe wartete auf mich. Zunächst führte die Strecke noch an der Küste entlang, doch schon bald wurde sie deutlich hügeliger. Es folgten mehrere Tunnel, die allerdings nur teilweise über einen Seitenstreifen verfügten. Das enttäuschte mich etwas, denn die Fahrradinfrastruktur in Taiwan hatte mich bis dahin eigentlich durchweg überzeugt. Gleichzeitig war hier deutlich mehr Lkw-Verkehr unterwegs.
Der erste Anstieg führte über eine alte Passstraße, auf der kaum Autos fuhren. Die Landschaft war atemberaubend: Steile Klippen, dichter Bewuchs und immer wieder fantastische Ausblicke auf das Meer machten die Auffahrt zu einem echten Genuss. Da der Himmel überwiegend bewölkt war, blieb die Hitze erträglich. Ich schwitzte zwar trotzdem ordentlich, musste aber nicht gegen die sonst so gnadenlose Sonne ankämpfen.
Anschließend ging es über eine stärker befahrene Straße auf den zweiten Berg. Dort sorgte eine Baustelle dafür, dass sich Lkws und Autos stauten. Da es keinen Seitenstreifen gab, musste ich besonders aufmerksam fahren, denn immer wieder zwängten sich Fahrzeuge an mir vorbei. Oben angekommen wurde ich jedoch mit einem herrlichen Blick auf das türkisblaue Meer belohnt, bevor es wieder rund 300 Höhenmeter hinunter auf Meereshöhe ging.
Der dritte Anstieg führte erneut über eine alte Passstraße, während der Hauptverkehr durch lange Tunnel geleitet wurde. Für mich war natürlich klar, dass ich lieber die Höhenmeter in Kauf nehme und dafür die wunderschöne Landschaft genießen kann. Genau diese abwechslungsreichen Bergstraßen machen für mich den Reiz des Radreisens aus.
Doch kurz vor der Passhöhe bemerkte ich plötzlich ein metallisches Klappern am Hinterrad. Ich hielt sofort an und stellte fest, dass eine Speiche gebrochen war. Das ärgerte mich besonders, denn dieses Laufrad mit der neuen Rohloff-Nabe war erst vor Kurzem aus Deutschland zu mir geschickt worden. Ich kontaktierte direkt Max von Radelmal, der das Laufrad eingespeicht hatte.
Zunächst musste ich jedoch selbst eine Lösung finden. Das Laufrad hatte zwar nur einen leichten Seitenschlag, war aber noch fahrbar. Ich entfernte die gebrochene Speiche, die direkt am Speichennippel gerissen war, und fuhr vorsichtig weiter – nun mit nur noch 31 statt 32 Speichen. Dabei musste ich unbedingt darauf achten, dass nicht durch die veränderte Spannung weitere Speichen brechen oder sogar die Rohloff-Nabe beschädigt wird. Außerdem schleifte die Bremsscheibe leicht, was ebenfalls Probleme verursachen konnte. Da ich eigentlich noch rund 150 Kilometer bis Taipeh vor mir hatte, war mir schnell klar, dass ich mit diesem Defekt keinesfalls so weit weiterfahren sollte.
Zum Glück erreichte ich nach der Abfahrt den Ort Su’ao. Dort gab es einen Giant-Fahrradladen, den ich sofort ansteuerte. Leider hatte ich für dieses neue Laufrad keine Ersatzspeiche dabei, sodass ich darauf hoffen musste, dass die Werkstatt zufällig genau die passende Speichenlänge vorrätig hatte. Speichen sind schließlich keine Standardteile, sondern müssen exakt zur Felge, Nabe und Einspeichung passen.
Glücklicherweise hatten die Mechaniker genau die richtige Speiche auf Lager. Zwar dauerte die Reparatur rund vier Stunden, doch anschließend war das Laufrad wieder sauber zentriert und alle Speichen korrekt gespannt. Gerade eine gleichmäßige Speichenspannung ist entscheidend, damit Speichen unter Belastung nicht erneut brechen.
Endlich konnte ich gegen 15:00 Uhr weiterfahren. Doch das Pech war noch nicht vorbei.
Keine zehn Kilometer später hörte ich plötzlich ein lautes Puff – mein Hinterreifen war schlagartig platt. Nach dem ohnehin schon nervenaufreibenden Tag konnte ich es kaum glauben. Also baute ich erneut sämtliche Fahrradtaschen ab, entfernte das Hinterrad und zog den Schlauch heraus.
Die Ursache war schnell gefunden: Sehr wahrscheinlich hatte der Mechaniker beim Montieren des Reifens den Schlauch versehentlich mit einem Reifenheber leicht beschädigt. Weder im Reifen noch im Mantel fand ich einen Dorn oder einen anderen Fremdkörper. Die kleine Beschädigung war beim Fahren immer größer geworden, bis der Schlauch schließlich platzte.
Also baute ich meinen letzten Ersatzschlauch ein, montierte alles erneut und konnte endlich weiterfahren.
Nach all den Problemen, den vielen Höhenmetern und der ständigen Anspannung war ich inzwischen sowohl körperlich als auch mental ziemlich erschöpft. Ich wollte nur noch ein paar Kilometer schaffen und anschließend einen Schlafplatz finden.
Als die Sonne langsam unterging, hielt ich zunächst an einem 7-Eleven an, aß zu Abend und machte mich anschließend auf die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Da es an der Ostküste weiterhin extrem heiß und feucht war, versuchte ich mein Glück erneut an einem Tempel.
Mit Hilfe einiger Einheimischer, die für mich übersetzten, konnte ich schließlich den Tempelwächter überzeugen, dass ich eine Nacht dort verbringen durfte. Zu meiner großen Überraschung brachte er mich in einen Konferenzraum mit Klimaanlage, in dem sogar ein Sofa stand.
Nach diesem langen, nervenaufreibenden Tag fühlte sich das wie ein kleines Wunder an. Erschöpft, aber unglaublich dankbar legte ich mich schlafen – froh darüber, dass nach all den Rückschlägen doch noch alles ein gutes Ende gefunden hatte.















