Von Victoria zu den heißen Quellen – ein unerwartetes Abenteuer
Am heutigen Morgen brach ich früh vom Elk Lake auf. Während ich frühstückte und langsam die Dämmerung einsetzte, hörte ich bereits die ersten Autos auf dem nahegelegenen Parkplatz ankommen. Als die Sonne schließlich aufging, waren schon zwei Motorboote und einige Ruderer auf dem See unterwegs. Über Megafone wurden Anweisungen gegeben – mit so viel Betrieb hatte ich an einem frühen Morgen mitten in der Natur nicht gerechnet!
Ich packte mein Zelt und meine gesamten Sachen zusammen und machte mich um 8:30 Uhr auf den Weg. Zunächst ging es auf kleineren Trails entlang des Sees und anschließend weiter in die Stadt Victoria. Die Möglichkeit, den größeren Straßen und dem starken Verkehr aus dem Weg zu gehen, machte die Fahrt besonders angenehm. Nach gerade einmal 16 Kilometern erreichte ich bereits das Fährterminal.
Dort konnte ich problemlos ein Ticket kaufen. Da einige Kanadier aufgrund der politischen Situation offenbar auf Reisen in die Vereinigten Staaten verzichten, war die Fähre nur wenig ausgelastet. Die amerikanischen Grenzbeamten kontrollierten mich kurz, wobei alles freundlich und unkompliziert ablief. Anschließend ging es an Bord und für die nächsten 90 Minuten über das Wasser in Richtung Port Angeles.
Auf der Fähre lernte ich einige andere Radfahrer kennen: zwei aus Victoria und weitere aus Portland. Wir kamen ins Gespräch und unterhielten uns über unsere jeweiligen Reisepläne. Als sie mir von ihrem geplanten Wochenendausflug zu heißen Quellen in den Bergen des Bundesstaates Washington erzählten, war ich sofort begeistert. Das klang nach genau dem richtigen Abenteuer! Kurzerhand beschloss ich, mich Oliver und Sam anzuschließen.
Über Stock und Stein in die Berge
Nach unserer Ankunft ging es zunächst auf asphaltierten Straßen weiter, die allerdings bereits einige steile Anstiege und Abfahrten bereithielten. Irgendwann wechselte der Weg plötzlich auf einen schmalen Singletrail.
Früher hatte hier einmal eine Straße entlanggeführt. Diese war jedoch durch die Überflutung eines Damms weggespült worden, sodass an ihrer Stelle nun ein Fluss verlief. Die notwendige Umleitung hatte es wirklich in sich! Einige Passagen waren so steil, dass ich mein voll beladenes Fahrrad kaum noch schieben konnte. Stück für Stück kämpfte ich mich nach oben, bevor es auf der anderen Seite technisch anspruchsvoll wieder bergab ging.
Als wir schließlich auf die alte Straße zurückkehrten, wurde der Weg zunächst wieder einfacher. Unterwegs kamen wir an einer Aussichtsplattform vorbei, von der aus wir auf den gewaltigen Damm und das riesige Flussbett blickten. Es war beeindruckend zu sehen, welche Kräfte die Natur entfalten kann und wie stark sie die Landschaft verändert.
Anschließend ging es weiter bergauf, immer tiefer in die Berge hinein. Mit jedem Kilometer begegneten wir weniger Wanderern. Etwa vier Kilometer vor unserem Ziel wurde aus dem Weg schließlich ein schmaler Wanderpfad.
Der Zustand des Gebiets vermittelte den Eindruck, dass sich schon länger niemand mehr um die Instandhaltung gekümmert hatte. Überall lagen umgestürzte Baumstämme auf dem Weg, und die Natur eroberte sich zunehmend ihren Raum zurück. Das hatte durchaus seine Vor- und Nachteile: Einerseits waren deutlich weniger Menschen unterwegs, andererseits machten die fehlende Pflege und die schwierigen Wegverhältnisse das Vorankommen erheblich anspruchsvoller.
Zum Glück waren wir zu dritt. Immer wieder lagen große Baumstämme quer über dem Trail, die wir gemeinsam überwinden mussten. So halfen mir Oliver und Sam dabei, mein Fahrrad über die Hindernisse zu heben. Alleine hätte ich dafür jedes Mal meine Fahrradtaschen abmontieren und anschließend wieder befestigen müssen – eine enorme Arbeit!
Doch damit nicht genug: Gegen Ende mussten wir auch noch einige kleine Flüsse durchqueren. Diese waren glücklicherweise gut zu bewältigen. Die letzte Herausforderung wartete schließlich direkt vor dem Campingplatz. Ein extrem steiler Anstieg zwang uns dazu, mein schwer beladenes Fahrrad gemeinsam den Berg hinaufzuschieben.
Als wir endlich ankamen, waren wir alle froh, es geschafft zu haben. Wir bauten unsere Zelte auf, während Oliver und Sam zunächst noch etwas aßen. Ich hingegen wollte keine Zeit verlieren und machte mich direkt auf den Weg zu den heißen Quellen.
Entspannung inmitten der Wildnis
Für einen Samstagnachmittag waren erstaunlich wenige Menschen an den heißen Quellen. Neben uns gab es lediglich ein weiteres Zelt, das von zwei Frauen genutzt wurde, denen wir bereits auf dem Weg begegnet waren.
Ich folgte einem kleinen Pfad hinunter zum Fluss und überquerte eine schmale Holzbrücke. Dahinter befand sich bereits die erste heiße Quelle. Das Wasser war angenehm warm bis heiß, und das Becken war überraschend groß. Nach den anstrengenden Kilometern mit meinem voll beladenen Fahrrad fühlte sich das wie eine wohlverdiente Belohnung an.
Trotzdem ging ich noch ein Stück weiter, um zu sehen, ob es noch andere Becken gab. Dabei entdeckte ich einige Menschen, die sich gerade wieder anzogen. Es stellte sich heraus, dass sie aus Port Angeles kamen und einen Tagesausflug hierher unternommen hatten.
Die schönste Quelle lag etwas versteckt zwischen den Bäumen. Sie befand sich in einer kleinen, geschützten Senke mitten im Wald und bot einen herrlichen Blick auf die umliegende Natur. Genau hier wollte ich bleiben!
Wenig später kamen auch Oliver und Sam dazu. Gemeinsam verbrachten wir bestimmt zwei Stunden im warmen Wasser, ließen die Anstrengungen des Tages hinter uns und genossen die Ruhe dieses besonderen Ortes.
Langsam wurde es dunkel, und wir konnten von den heißen Quellen aus in den klaren Sternenhimmel schauen. Nach der körperlich anstrengenden Anfahrt war das ein unglaublich schöner Moment. Um uns herum herrschte Stille, und für eine Weile fühlte es sich an, als wären wir weit entfernt von allem, was im Alltag sonst wichtig ist.
Irgendwann waren unsere Hände und Füße vom langen Aufenthalt im Wasser bereits ordentlich aufgequollen. Also zogen wir uns wieder an und machten uns mit unseren Taschenlampen auf den Rückweg zum Campingplatz. Bei Dunkelheit über den schmalen Trail zu laufen, war noch einmal ein kleines Abenteuer für sich.
Zurück bei unseren Zelten kochten wir unser Abendessen, unterhielten uns über die Erlebnisse des Tages und ließen den Abend gemütlich ausklingen.
Flexibilität ist der Schlüssel zum Abenteuer
Was ursprünglich ein ganz gewöhnlicher Reisetag hätte werden können, entwickelte sich zu einem meiner schönsten spontanen Erlebnisse. Durch eine zufällige Begegnung auf der Fähre hatte ich zwei nette Menschen kennengelernt, mit denen ich gemeinsam eine abgelegene Berglandschaft erkunden und schließlich in natürlichen heißen Quellen mitten im Wald entspannen konnte.
Solche Tage zeigen mir immer wieder, wie wichtig es beim Reisen ist, flexibel zu bleiben und sich auf neue Möglichkeiten einzulassen. Natürlich habe ich unterwegs oft einen Plan und ein bestimmtes Ziel vor Augen. Doch die schönsten Erlebnisse entstehen häufig genau dann, wenn etwas anders läuft als erwartet.
Manchmal lohnt es sich deshalb, die ursprünglichen Pläne einfach über Bord zu werfen, spontan zu sein und sich auf das einzulassen, was das Leben einem gerade bietet.
Mit diesen Gedanken und vielen schönen Eindrücken im Kopf kroch ich schließlich müde in meinen Schlafsack. Ein unerwarteter, abenteuerlicher und rundum gelungener Tag ging zu Ende.









