Mehr als nur ein Schlafplatz – die besondere Gastfreundschaft von Warmshowers
Am heutigen Morgen wurde ich vom Geschnatter der Gänse geweckt, die neben meinem Zelt an einem See zwischen den Dünen übernachtet hatten. Die Nacht war zwar nicht besonders kalt gewesen, doch die hohe Luftfeuchtigkeit sorgte dafür, dass sich die Temperaturen am Morgen von etwa vier Grad noch deutlich kälter anfühlten.
Nach einem Frühstück mit Brot und Erdnussbutter baute ich bei einem wundervollen Sonnenaufgang mein Zelt ab und verstaute alles wieder ordentlich in meinen Fahrradtaschen. Dick eingepackt machte ich mich schließlich auf den Weg zurück zur Straße.
Dort fügte ich mich in den Verkehr ein und fuhr Richtung Süden. Am Morgen waren zum Glück noch nicht allzu viele Autos unterwegs, auch wenn auf den Straßen immer ein gewisser Betrieb herrschte.
Plötzlich tauchten hinter mir zwei Rennradfahrer mit kleinen Bikepacking-Taschen auf. Es waren zwei ältere Herren, die gemeinsam von Oregon bis nach San Francisco fahren wollten. Einer von ihnen war offenbar ein erfahrener Langstreckenfahrer, der solche Distanzen regelmäßig zurücklegt. Seinen Freund hatte er mitgenommen, um ihm zu zeigen, wie es sich anfühlt, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein und ein solches Abenteuer zu erleben.
Wir kamen schnell ins Gespräch und unterhielten uns, während wir gemeinsam einen Anstieg nach dem anderen hinauffuhren. Dabei vergaß ich beinahe, wie viele Höhenmeter wir zurücklegten. Ehe ich mich versah, hatten wir bereits 300 Höhenmeter überwunden. Mein Körper scheint sich mittlerweile so gut an die Belastungen gewöhnt zu haben, dass ich solche Anstrengungen während eines interessanten Gesprächs manchmal kaum noch bewusst wahrnehme.
Die beiden waren mit ihrem deutlich leichteren Setup unterwegs, während ich mit meinem voll beladenen Reiserad unterwegs war. Trotzdem konnte ich problemlos mit ihnen mithalten. Auf den flachen Abschnitten wurden sie schließlich etwas schneller, sodass sich unsere Wege wieder trennten.
Solche Begegnungen mit anderen Radreisenden sind für mich immer etwas Besonderes. Sie kommen nicht allzu häufig vor, aber wenn es dazu kommt, freue ich mich umso mehr. Man kann sich über die gemeinsamen Erfahrungen austauschen, voneinander lernen und bekommt gleichzeitig einen anderen Einblick in die Menschen und die Kultur des jeweiligen Landes. Außerdem gibt es immer Fragen, die man anderen Radfahrern besonders gerne stellt, weil sie ähnliche Erfahrungen machen und vieles aus einer vergleichbaren Perspektive betrachten.
Anschließend ging es für mich weiter entlang der Küste, vorbei an wunderschönen Buchten und Stränden. Besonders beeindruckten mich die großen Felsen, die immer wieder aus dem Meer ragten und der Küstenlandschaft ein beinahe malerisches Aussehen verliehen. Die Szenerie erinnerte mich an manche Abschnitte meiner Reise durch Südaustralien.
Nach insgesamt 65 Kilometern erreichte ich schließlich meinen Warmshowers-Gastgeber in Crescent City. Dort wurde ich von einem älteren Ehepaar empfangen, das bereits seit mehreren Jahren zahlreiche Radreisende bei sich aufnimmt. In den vergangenen drei Jahren hatten sie sage und schreibe 114 Gäste beherbergt – ich war also bereits die Nummer 114! Das sagt einiges darüber aus, wie sehr sich die beiden für die Warmshowers-Gemeinschaft engagieren.
Ihre Gastfreundschaft zeigte sich direkt bei meiner Ankunft: Sie hatten sogar schon ein Mittagessen für mich vorbereitet. Nach mehr als zehn Tagen ohne richtige Dusche und acht Tagen ohne vernünftige Waschmöglichkeit war die anschließende warme Dusche ein wahrer Luxus. Mittlerweile hatten sich auf meiner Haut zahlreiche Schichten aus Salz, Schweiß und Straßenstaub angesammelt. Umso schöner war es, endlich wieder ausgiebig duschen, mich komplett einseifen und den ganzen Schmutz abwaschen zu können.
Danach gab es ein leckeres Essen mit Reis, Bohnen, Milchreis, Salat und Chips mit Salsa-Dip. Während wir gemeinsam aßen, erzählten mir die beiden von ihren bisherigen Warmshowers-Gästen und den Erlebnissen, die sie mit ihnen geteilt hatten.
Man merkte sofort, wie sehr ihnen diese Begegnungen am Herzen liegen. Für sie sind die Radreisenden, die bei ihnen übernachten, weit mehr als nur Gäste. Sie begleiten deren Reisen aus der Ferne, bleiben mit vielen von ihnen in Kontakt und freuen sich darüber, zu erfahren, wie es ihnen unterwegs ergeht. Manche wachsen ihnen dabei so sehr ans Herz, dass sie die Reisenden beinahe wie ihre eigenen Kinder betrachten.
Genau solche Menschen machen die Warmshowers-Gemeinschaft für mich so besonders. Es geht nicht einfach nur darum, kostenlos einen Schlafplatz zu bekommen. Vielmehr entstehen Begegnungen zwischen Menschen, die sich vorher überhaupt nicht kannten und die dennoch bereit sind, einander zu helfen, Zeit miteinander zu verbringen und ihre Erfahrungen zu teilen. Diese Offenheit und Herzlichkeit sind etwas, das ich auf meiner Reise immer wieder erleben darf und das mich jedes Mal aufs Neue begeistert.
Anschließend fuhr ich gemeinsam mit Mark zum Walmart, um mich mit Lebensmitteln für die nächsten Tage einzudecken. Danach machten wir noch einen kleinen Abstecher zum Strand, zum Hafen und durch den Ort.
Am Wasser konnte ich einige Robben und sogar große Seelöwen beobachten. Es war schön, nach den vergangenen anstrengenden Tagen ein wenig Zeit zu haben, um die Umgebung zu erkunden, ohne dabei ständig auf die nächsten Kilometer achten zu müssen.
Am Nachmittag entspannte ich mich schließlich in meinem eigenen Zimmer auf einem weichen Bett. Nach den vielen Nächten im Zelt fühlte sich dieser kleine Luxus besonders gut an.
Auch das Abendessen ließ keine Wünsche offen: Es gab erneut eine leckere Mahlzeit mit viel Gemüse und einem großen Salat. Während wir gemeinsam aßen, unterhielten wir uns wieder ausgiebig. Es war ein schöner Abend mit interessanten Gesprächen und Menschen, bei denen man sich sofort willkommen fühlt.
Später setzte ich mich noch an meine Videos. Ich hatte einiges nachzuholen und schnitt die letzten zehn Videos der vergangenen zehn Tage fertig. Anschließend lud ich sie auf Instagram, YouTube und Facebook hoch. Das Bearbeiten, Schneiden, Untertiteln und Veröffentlichen meiner täglichen Videos kostet zwar immer einiges an Zeit, doch es ist mir wichtig, meine Erlebnisse mit meiner Community zu teilen und andere an meiner Reise teilhaben zu lassen.
Als ich schließlich fertig war, war ich entsprechend müde und fiel erschöpft ins Bett.
Hinter mir lagen mittlerweile knapp 1.200 Kilometer und rund 14.000 Höhenmeter seit Vancouver. Das war eine ordentliche Leistung, die natürlich auch ihre Spuren hinterließ. Unterwegs hatte ich leider kaum Möglichkeiten gehabt, bei Warmshowers-Gastgebern unterzukommen, während die Preise für Unterkünfte in dieser Region extrem hoch waren.
Umso dankbarer bin ich, nun bei diesem herzlichen Ehepaar angekommen zu sein. Hier kann ich mich ein wenig erholen, neue Kraft sammeln und gleichzeitig interessante Menschen kennenlernen.
Ich bin gespannt, was ich mit den beiden in den kommenden Tagen noch erleben werde. Eines steht für mich aber jetzt schon fest: Es sind genau diese Begegnungen, die eine Fahrradweltreise so besonders machen. Die Landschaften können noch so beeindruckend sein – am Ende sind es oft die Menschen, ihre Geschichten und ihre Herzlichkeit, die einem am längsten in Erinnerung bleiben.






