Zwischen den Spuren eines Waldbrandes und den spektakulären Schluchten von British Columbia
Am heutigen Morgen kroch ich an meinem Schlafplatz am See bei eisigen Temperaturen aus dem Schlafsack. Besonders in den frühen Morgenstunden erreicht die Kälte oft ihren Tiefpunkt, bevor die Sonne den Tag langsam erwärmt. Doch der dichte Nebel über dem See machte es ihr zunächst schwer, sich durchzusetzen.
Zum Frühstück gab es Rosinenbrot mit Erdnussbutter und einen Apfel – mehr brauchte ich für den Moment nicht. Anschließend stand eine der unangenehmsten Aufgaben des Morgens an: der Wechsel von meinen warmen, trockenen Alltagsklamotten in die klammen und eiskalten Radklamotten. Da ich meine Sachen im Zelt über Nacht zum Auslüften aufhänge, werden sie durch die niedrigen Temperaturen immer etwas feucht. Sich morgens in diese kalten Kleidungsstücke zu zwängen, kostet jedes Mal Überwindung. Nach anderthalb Monaten auf dem Fahrrad gehört das mittlerweile jedoch einfach zur Routine.
Nachdem ich mein Zelt abgebaut und meine Sachen verstaut hatte, verließ ich die Kuhweide am See und machte mich wieder auf den Weg. Kurz darauf erreichte ich das 70 Mile House. Dort gönnte ich mir eine Packung Oreos und einen Softdrink. Was eigentlich nur ein kurzer Zwischenstopp werden sollte, entwickelte sich zu einer Reihe schöner Begegnungen.
Bereits vor dem Laden kam ich mit einem netten Herrn ins Gespräch, der ziemlich verrückt fand, was ich mit meinem Fahrrad alles mache. Auch der Verkäufer im Laden fragte mich neugierig nach meiner Reise. Wir unterhielten uns eine ganze Weile, bevor ich wieder nach draußen ging und meine Einkäufe in den Fahrradtaschen verstaute. Dort warteten bereits zwei weitere Einheimische, die ebenfalls wissen wollten, was ich hier eigentlich mache. Auch mit ihnen kam ich ins Gespräch.
Drei nette Begegnungen an einer einzigen Tankstelle! In den vergangenen 1.000 Kilometern hatte ich kaum solche Interaktionen gehabt. Umso mehr freute ich mich darüber, wieder mit Menschen ins Gespräch zu kommen und etwas über sie und ihren Alltag zu erfahren. Genau das ist einer der Gründe, warum ich so gerne mit dem Fahrrad reise: Ich bin langsam genug unterwegs, um spontan mit Menschen in Kontakt zu kommen, und bewege mich dabei auf einer ganz anderen Ebene als jemand, der mit dem Auto oder Flugzeug unterwegs ist.
Anschließend ging es für mich weiter in Richtung Clinton. Die Strecke war leicht abschüssig, aber weiterhin sehr hügelig. Auf den folgenden rund 30 Kilometern bot sich mir allerdings ein erschreckendes Bild. Links und rechts der Straße erstreckten sich riesige Flächen abgebrannten Waldes. Vor etwa zwei Monaten hatte ein Waldbrand hier gewütet und eine Landschaft hinterlassen, die kaum wiederzuerkennen war.
Immer wieder sah ich Arbeiter, die damit beschäftigt waren, die durch das Feuer zerstörten Holzzäune wieder aufzubauen. Zwischen den verkohlten Baumstämmen entdeckte ich außerdem zerstörte Häuser und ausgebrannte Autos. Es wirkte beinahe wie eine Geisterstadt aus einem Horrorfilm. Wo zuvor vermutlich eine lebendige, grüne Landschaft gewesen war, ragten nun fast ausschließlich schwarze Stämme in den Himmel.
Durch starke Winde hatten sich offenbar mehrere einzelne Feuer zu einem gewaltigen Inferno ausgebreitet. Wie viele Tiere dabei ums Leben gekommen waren und wie viele Menschen ihr Zuhause verloren hatten, lässt sich nur erahnen. Der Anblick machte mich nachdenklich und traurig. Solche Zerstörungen zeigen einem unmittelbar, welche Folgen Naturkatastrophen haben können und wie schnell eine vertraute Umgebung für immer verändert wird.
Nach diesem bedrückenden Abschnitt erreichte ich schließlich die Abzweigung zum Highway 99. Die Straße sollte zwar sehr bergig, dafür aber landschaftlich besonders reizvoll sein. Und tatsächlich wurde ich schon nach kurzer Zeit für die zusätzlichen Höhenmeter belohnt.
Die Landschaft war atemberaubend. Hinter jeder Kurve eröffneten sich neue Ausblicke auf steile Felswände, weite Täler und wilde Flussläufe. Besonders der Marble Canyon beeindruckte mich mit seinen gewaltigen Felsformationen. Die Straße schlängelte sich entlang des Canyons und des Flusses, führte immer wieder steil bergauf und anschließend wieder hinunter. Gefühlt ging es deutlich häufiger bergauf als bergab.
Doch für solche Landschaften nehme ich die zusätzlichen Anstrengungen gerne in Kauf. Es sind genau diese Momente, in denen ich merke, wie sehr mich das Radreisen erfüllt: Ich muss mir die Aussicht mit eigener Muskelkraft erarbeiten und kann dadurch die Landschaft noch intensiver erleben. Jeder Anstieg gehört dazu, jeder Schweißtropfen wird durch die Aussicht belohnt.
Schließlich erreichte ich Lillooet, wo ich für die Nacht einen geschützten Schlafplatz finden musste. Da Regen vorhergesagt war und der örtliche Campingplatz wegen der Nebensaison bereits geschlossen hatte, wollte ich mein Zelt möglichst nicht ungeschützt aufbauen.
Google Maps schlug mir eine Abkürzung über eine alte Brücke vor. Bevor ich mich jedoch auf den Weg machte, fragte ich vorsichtshalber eine Frau mit Hund, ob die Brücke überhaupt noch befahrbar sei. Sie erklärte mir, dass Fußgänger und Radfahrer sie weiterhin benutzen könnten, lediglich für Autos sei sie gesperrt.
Da wir ohnehin schon ins Gespräch gekommen waren, nutzte ich die Gelegenheit und fragte sie, ob sie vielleicht einen überdachten Platz kenne, an dem ich mein Zelt für die Nacht aufbauen könnte. Sie wusste zwar keine öffentliche Möglichkeit, erzählte mir aber, dass sie mit ihrem Mann ein Ferienhaus oben auf dem Hügel besitze.
Mit etwas Fingerspitzengefühl fragte ich sie schließlich, ob ich vielleicht in ihrer Garage übernachten oder sogar ein Gästezimmer nutzen dürfte. Bei solchen Fragen muss man natürlich vorsichtig sein. Schließlich kennt einen die andere Person erst seit wenigen Minuten, und als Radreisender mit voll bepacktem Fahrrad sieht man nicht unbedingt aus wie jemand, der gerade aus der Nachbarschaft vorbeischaut.
Zu meinem Glück stellte sich heraus, dass die Frau ursprünglich aus Deutschland stammte und erst 2003 nach Vancouver ausgewandert war. Vielleicht half diese Gemeinsamkeit dabei, schnell eine Verbindung aufzubauen. Jedenfalls war sie sehr offen und freundlich. Sie wollte zunächst noch ihre Hunderunde beenden, danach sollten wir uns an ihrem Auto treffen.
Währenddessen ging ich noch einkaufen und wartete anschließend auf sie. Als sie zurückkam, erklärte sie mir den Weg zu ihrem Haus, und ich fuhr hinauf auf den Hügel.
Was mich dort erwartete, übertraf meine Vorstellungen bei Weitem. Das Haus lag in der obersten Häuserreihe und bot einen fantastischen Blick über das Tal. Ich bekam ein eigenes Zimmer mit Bett, eigener Dusche und Toilette sowie sogar einem begehbaren Kleiderschrank. Nach den vergangenen Wochen, in denen ich fast jede Nacht im Zelt geschlafen hatte, fühlte sich das beinahe wie ein Aufenthalt in einem Luxushotel an.
Nach mehr als 1.000 Kilometern seit meinem letzten Pausentag in Hazelton war es ohnehin höchste Zeit, meinem Körper eine Pause zu gönnen. Die kommenden beiden Etappen in Richtung Vancouver würden noch einmal richtig anspruchsvoll werden. Besonders die Strecke von Lillooet nach Whistler hatte es in sich: Ein langer Anstieg mit mehr als 1.000 Höhenmetern und anschließend noch ein weiterer kleinerer Anstieg warteten auf mich.
Am Abend aß ich eine Schüssel Müsli und unterhielt mich noch lange mit dem Ehepaar. Beide waren unglaublich nett, und ich war ihnen sehr dankbar, dass sie mich so spontan bei sich aufgenommen hatten. Es ist immer wieder beeindruckend, wie viel Vertrauen und Hilfsbereitschaft einem auf dieser Reise entgegengebracht werden.
Mit dem Wissen, ein warmes Bett und ein Dach über dem Kopf zu haben, konnte ich schließlich entspannt einschlafen. Nach den vielen Kilometern, den eindrucksvollen Landschaften und den Begegnungen dieses Tages hatte ich mir die Erholung redlich verdient.














