Sonnenaufgang, heiße Quellen und Kultur am Kelimutu
Heute klingelte mein Wecker bereits um 4:00 Uhr morgens. Da ich meinen Rucksack schon am Vorabend gepackt hatte, konnte ich direkt mit dem Motorroller von meiner Unterkunft aufbrechen. Vor mir lag eine etwa 30-minütige Fahrt, die mich von rund 700 auf etwa 1.400 Höhenmeter hinaufführte. Die Straße schlängelte sich in unzähligen Serpentinen den Berg hinauf – bei völliger Dunkelheit eine ganz besondere Herausforderung.
Nachdem ich den Kontrollposten passiert und die Nationalparkgebühr bezahlt hatte, fuhr ich bis zum Parkplatz. Dort standen bereits einige Autos mit Touristen, die dasselbe Ziel hatten wie ich. Von dort begann der kurze, aber steile Aufstieg zur Aussichtsplattform des Kelimutu.
Da ich zügig unterwegs war, überholte ich alle anderen Wanderer und erreichte als Erster den Aussichtspunkt. Noch war es stockdunkel. Nach und nach trafen Einheimische ein, die Souvenirs und kleine Snacks verkaufen wollten, und auch immer mehr Besucher versammelten sich, um den Sonnenaufgang zu erleben.
Zunächst waren die berühmten drei Kraterseen noch vollständig von Wolken verdeckt. Doch je höher die Sonne stieg, desto mehr lichteten sich die Nebelschwaden. Langsam kamen die farbigen Seen zum Vorschein. Der Sonnenaufgang war wunderschön und hatte eine ganz besondere Atmosphäre. Zwar lag noch ein leichter Schleier über der Landschaft, doch genau das verlieh dem Moment etwas Mystisches.
Als die Sonne höher stand und es deutlich wärmer wurde, machte ich mich von der auf rund 1.600 Metern gelegenen Aussichtsplattform wieder auf den Rückweg. Unten am Roller gönnte ich mir zunächst einen kleinen Snack und kaufte ein handgefertigtes Souvenir des indigenen Stammes, der am Fuße des Kelimutu lebt.
Anschließend fuhr ich die kurvenreiche Straße wieder hinunter, bis die ersten Reisfelder auftauchten. Statt direkt zur Unterkunft zurückzukehren, steuerte ich jedoch einen Geheimtipp an, den mir mein Gastgeber am Vortag verraten hatte: Zwischen den Reisfeldern versteckte sich eine natürliche heiße Quelle, die kaum bekannt ist. Morgens ist dort fast niemand, weil die Einheimischen bereits auf den Feldern arbeiten.
Ich folgte einem kleinen Weg durch die Reisfelder und erreichte schließlich den glasklaren, warmen Naturpool. Ich hatte den Ort komplett für mich allein. Umgeben von Reisfeldern, Dschungel und der langsam höher steigenden Sonne genoss ich diesen besonderen Platz über anderthalb Stunden lang. Erst als meine Hände langsam aussahen wie Waschfrauenhände, verließ ich die Quelle wieder.
Zurück in meiner Unterkunft erwartete mich ein leckeres Frühstück mit Pancakes und frischen tropischen Früchten. Da ich großen Hunger hatte, bekam ich sogar eine zweite Portion.
Direkt danach fuhr ich in das traditionelle Dorf Wologai. Dort zeigte mir ein Einheimischer, der selbst Mitglied des Stammes war, die traditionellen Häuser. Sie bestehen fast vollständig aus Naturmaterialien wie Bambus und Palmblättern und besitzen die charakteristischen, sehr hohen Spitzdächer. Das Dorf wird heute nur noch einmal jährlich – Anfang September – für die großen Stammeszeremonien genutzt und dient ansonsten dazu, Besuchern die Kultur näherzubringen.
Mein nächstes Ziel war eine Kaffeeplantage in den Bergen. Eine junge Indonesierin führte mich über das Gelände ihrer Familienplantage und erklärte den gesamten Herstellungsprozess – vom Anbau der Pflanzen über die Ernte bis hin zu den verschiedenen Verarbeitungsmethoden und Qualitätsstufen. Angebaut werden dort vor allem Arabica-Kaffeepflanzen.
Besonders spannend war zu erfahren, wie unterschiedlich die Bohnen verarbeitet werden können: von der einfachen Trocknung nach dem Entfernen der Fruchthülle bis hin zur aufwendigsten Methode, bei der die Bohnen fermentiert werden, nachdem die Glukoseschicht entfernt wurde. Diese Variante liefert die höchste Qualität, erfordert aber auch den größten Arbeitsaufwand.
Zum Abschluss durfte ich verschiedene Kaffeesorten probieren. Obwohl ich normalerweise kaum Kaffee trinke, gehörte diese Verkostung einfach zu diesem Erlebnis dazu. Mit Blick über die Kaffeeplantage auf rund 1.500 Metern Höhe schmeckte der Kaffee gleich noch einmal besser.
Auf dem Rückweg kaufte ich auf einem kleinen Markt noch einige frische Früchte und legte in meiner Unterkunft eine kurze Mittagspause ein.
Am Nachmittag besuchte ich ein weiteres traditionelles Dorf namens Rumah Adat Jopu Ranggase. Dort hatte ich den Tipp bekommen, nach Mama Maria zu fragen. Sie spricht sehr gut Englisch und kennt die Traditionen ihres Stammes bis ins kleinste Detail.
Sie führte mich nicht nur durch das Dorf, sondern auch in eines der traditionellen Häuser, sodass ich erstmals einen Blick ins Innere werfen konnte. Dabei erklärte sie mir ausführlich die Bräuche rund um Heirat, Geburt und das Zusammenleben des Stammes.
Besonders beeindruckte mich eine Tradition nach der Geburt eines Kindes. Schreit ein Neugeborenes direkt nach der Geburt, gilt das als gutes Zeichen. Tut es das nicht, versammeln sich die angesehensten Stammesmitglieder zu einer Zeremonie. Weint oder schreit das Kind dabei, gilt ebenfalls alles als in Ordnung. Sollte es jedoch auch danach still bleiben, wird eine andere Mutter aus dem Dorf ausgewählt, die das Kind vorübergehend mit aufzieht. Das Kind wird jedoch niemals ausgestoßen oder ausgegrenzt – im Gegenteil: Die Dorfgemeinschaft übernimmt gemeinsam Verantwortung.
Nach dieser spannenden Begegnung musste ich mich beeilen. Ich holte an meiner Unterkunft noch schnell meinen Kamerarucksack und fuhr anschließend erneut die vielen Serpentinen hinauf zum Kelimutu-Nationalpark.
Eigentlich war der Park bereits geschlossen. Ich erklärte dem Ranger jedoch, dass ich bereits morgens dort gewesen war und mein Ticket noch gültig sei. Nach kurzem Überlegen ließ er mich tatsächlich noch einmal passieren.
So lief ich erneut zur Aussichtsplattform – und dieses Mal war ich vollkommen allein.
Vor mir lagen die drei farbenfrohen Kraterseen in glasklarer Sicht. Die tief stehende Sonne tauchte die gesamte Landschaft in warme Gold- und Orangetöne. Keine Wolke störte den Blick, kein anderer Besucher war zu sehen. Für mich war dieser Sonnenuntergang sogar noch beeindruckender als der Sonnenaufgang am Morgen. Die Farben wirkten intensiver, die Sicht war perfekt und die völlige Ruhe machte diesen Moment unvergesslich.
Als es schließlich dunkel wurde, wanderte ich zurück zu meinem Roller und fuhr zum Kontrollposten. Weil der Ranger mich trotz der offiziellen Schließzeit noch hineingelassen hatte, gab ich ihm zum Abschied 100.000 Rupiah – umgerechnet knapp fünf Euro, was hier ungefähr einem Tageslohn entspricht. Er freute sich sichtlich über die Geste, und ich fuhr mit einem breiten Grinsen die vielen Serpentinen hinunter, vorbei an den Reisfeldern zurück zu meiner Unterkunft.
Dort aß ich noch zu Abend und fiel müde ins Bett. Es war zwar offiziell ein Pausetag – anstrengend war er trotzdem. Vor allem aber war es einer dieser Tage, die man wohl nie wieder vergisst.
















