Reifenplatzer auf der Brücke und Hilfe im Nirgendwo
Heute Morgen ging es für mich wie gewohnt früh vom Zeltplatz los. Anfangs verlief alles ganz normal: Frühstück machen, die Taschen packen und wieder aufs Fahrrad steigen. Nach knapp 20 Kilometern kam ich durch den Ort Home Hill. Dort führte die Straße über eine sehr schmale Brücke ohne Seitenstreifen. Hinter mir sammelten sich bereits mehrere LKWs, die natürlich wollten, dass ich möglichst schnell die Brücke überquere.
Also versuchte ich, zügig hinüberzufahren. Doch plötzlich gab es nach wenigen Metern einen lauten Knall am Hinterrad. Sofort dachte ich: „Das kann doch nicht schon wieder passieren.“ Erst vor Kurzem hatte ich bereits Probleme mit dem Reifen gehabt – und nun ausgerechnet an so einer gefährlichen Stelle.
Ich musste schnell reagieren, die Kontrolle behalten und möglichst rasch von der Brücke herunterkommen. Auf einer kleinen Wiese neben der Straße schaute ich mir den Schaden genauer an. Dabei stellte ich fest, dass der Mantel an der Seite komplett aufgeschlitzt war. Das konnte unmöglich nur durch einen platzenden Schlauch entstanden sein. Irgendetwas musste an der Felge den Reifen beschädigen.
Um das Fahrrad wenigstens schieben zu können, setzte ich zunächst einen neuen Schlauch ein. Anschließend schob ich das Rad zurück in den Ort, um Hilfe zu suchen. Ich wusste nämlich nicht, ob der nächste richtige Fahrradladen vielleicht erst in über 100 Kilometern Entfernung in Townsville liegt.
Zuerst versuchte ich mein Glück bei der Polizeistation, doch diese war geschlossen und nur telefonisch für Notfälle erreichbar. Also ging ich weiter zum Bahnhof, wo sich ein kleines Information Center befand. Dort erklärte ich der Mitarbeiterin meine Situation. Die Dame war unglaublich hilfsbereit: Sie telefonierte direkt mit einem Fahrradmechaniker im zehn Kilometer entfernten Ort Ayr und bot mir sogar an, mich nach ihrer Schicht samt Fahrrad und Gepäck dorthin zu fahren.
Bis dahin hatte ich noch etwas Zeit. Im Information Center gab es eine kleine Ausstellung über die Geschichte der Region und sogar eine Virtual-Reality-Tour zu einem alten Schiffswrack. So konnte ich die Wartezeit wenigstens sinnvoll nutzen.
Als Alice schließlich Feierabend hatte, luden wir mein Fahrrad und sämtliche Taschen ins Auto und fuhren nach Ayr. Dort angekommen war ich zunächst skeptisch: Die Werkstatt sah überhaupt nicht wie ein Fahrradladen aus. Überall standen 3D-Drucker, Plotter und verschiedenste Maschinen herum – eher eine Bastlerwerkstatt als eine Fahrradreparatur.
Doch schnell merkte ich, dass Alex wusste, wovon er sprach. Mit typisch australischer Direktheit erklärte er mir sofort das Problem: Die Felge war an der Seite aufgeraut. Das passiert, wenn man mit einem platten Reifen noch kurz auf der Felge weiterrollt. Mit der Zeit entstehen dadurch scharfe Stellen, die den Reifen langsam von innen durchscheuern. Genau deshalb hatte sich der Mantel zerstört und der Schlauch schließlich explosionsartig verabschiedet.
Alex gab mir daraufhin feines Schmirgelpapier und meinte trocken, dass ich jetzt erst einmal Arbeit hätte. Also saß ich ungefähr anderthalb Stunden dort und schliff die gesamte Felge sorgfältig glatt – innen und an den Kanten –, bis keine rauen Stellen mehr vorhanden waren.
Danach baute ich alles wieder zusammen und bekam sogar noch einen neuen Reifen. Zwar kein hochwertiger Schwalbe-Mantel wie zuvor, aber immerhin konnte ich nun weiterfahren.
Mittlerweile waren bereits fünf Stunden vergangen, seit der Reifen geplatzt war. Trotzdem wollte ich unbedingt noch ein Stück Strecke machen. Also fuhr ich zunächst zum Supermarkt, um meine Vorräte aufzufüllen, denn in dieser Gegend werden Einkaufsmöglichkeiten immer seltener.
Anschließend schwang ich mich wieder aufs Rad und fuhr tatsächlich noch weitere 50 Kilometer, bis langsam die Sonne unterging. Schließlich fand ich einen ruhigen Schlafplatz zwischen einer eingezäunten Weide und einer großen Hecke, die mich etwas vor der Straße dahinter abschirmte.
Dort machte ich meine Abendroutine, kochte mir etwas zu essen und fiel am Ende des Tages erschöpft, aber auch erleichtert in meinen Schlafsack.



