153 Kilometer, das Meer und eine Nacht bei Pinguinen
Heute Morgen startete ich früh bei dicht bewölktem Himmel und leichtem Nieselregen. Schon nach den ersten Kilometern spürte ich, dass mein Knie und die umliegenden Sehnen noch angespannt waren. Dennoch kam ich stetig voran, dehnte immer wieder mein Bein und versuchte, aufmerksam auf die Signale meines Körpers zu hören.
Die Bergkulisse um mich herum war atemberaubend. Endlich wieder auf dem Fahrrad zu sitzen, unterwegs zu sein und Teil dieses Abenteuers zu bleiben, erfüllte mich mit tiefer Freude. Vernünftigerweise hätte ich nach etwa 60 Kilometern Schluss machen sollen, um mein Knie nicht zu überlasten. Doch als ich gegen 14:00 Uhr diesen Punkt erreichte, fühlte ich mich noch kraftvoll – und mein Traumziel für den Tag, Oamaru, lag in erreichbarer Distanz.
Zunächst blieb die Strecke relativ flach mit nur wenigen Anstiegen. Doch je näher ich der Küste kam, desto hügeliger wurde es. Einige längere, steile Rampen verlangten mir bei Regen und zunehmend kälterem Wetter alles ab. Nach 153 Kilometern erreichte ich schließlich Oamaru – und damit das Ende der Alps-to-Ocean-Fahrradroute.
Nun galt es, einen Schlafplatz zu finden. Ich wusste, dass entlang der Küste kleine blaue Pinguine leben. Der Gedanke, sie am Abend aus dem Meer an Land kommen zu sehen, während ich mein Abendessen zubereite, war verlockend. Doch sowohl der Park als auch der Strand waren offiziell gesperrt, sodass ich kreativ werden musste.
Schließlich fand ich an einem steinigen Abschnitt neben einem kleinen Kanal eine Stelle ohne Verbotsschilder. Umgeben von Büschen schlug ich dort mein Zelt auf, kochte mir schnell Nudeln und hoffte auf eine Begegnung mit den Pinguinen. Als ich jedoch recherchierte, stellte ich fest, dass sie auf dieser Seite der Bucht seltener vorkommen. Enttäuschung machte sich breit.
Nachdem ich meine Abendroutine beendet hatte, schnitt ich noch anderthalb Stunden lang mein Reel des Tages, unterlegte es mit Animationen und Untertiteln und lud es auf YouTube und Instagram hoch. Doch selbst mit Einbruch der Dunkelheit blieb alles still.
Erst gegen 23:00 Uhr, als ich mir die Zähne putzte, hörte ich seltsame Geräusche aus den Büschen neben mir. Zunächst hielt ich sie für eine unbekannte Möwenart. Immer wieder huschten Tiere links und rechts an mir vorbei – auch sie ordnete ich gedanklich Möwen zu.
Doch um 4:00 Uhr nachts wurde ich von ganz anderen Lauten geweckt: ein Glucksen, Trillern, teilweise ein Geräusch, das fast wie das Weinen eines Babys klang. Im ersten Moment wirkte es unheimlich. Vorsichtig öffnete ich mein Zelt. Es war sehr dunkel; der Mond zeigte sich nur als schmale Sichel hinter dichten Wolken. Doch im fahlen Licht konnte ich die Silhouetten kleiner Pinguine erkennen – auf dem Strand vor mir und zwischen den Steinen rund um mein Zelt.
Nun verstand ich: Die Geräusche stammten von den kleinen Pinguinen. Sie bewegten sich von ihren Brutplätzen in den Büschen zum Meer – und wieder zurück. Mehrfach krochen sie keine fünfzig Zentimeter an meinem Zelt vorbei. Ich hörte sogar die Jungen betteln.
Zum Glück hatte ich mein Zelt direkt vor einem größeren Baumstamm aufgestellt, den die Pinguine ohnehin nicht überwinden konnten. Mein Zelt stellte also kein zusätzliches Hindernis dar; sie wählten wie selbstverständlich ihren gewohnten Weg seitlich daran vorbei.
Mit leichter Gänsehaut und einer Mischung aus Ehrfurcht und Staunen ließ ich das Zelt offen und beobachtete dieses unerwartete Mikroabenteuer im großen Abenteuer meiner Reise. Trotz der lauten, ungewöhnlichen Rufe versuchte ich irgendwann wieder einzuschlafen. Nach vielleicht zwei Stunden wurde es langsam dämmerig – und fast schlagartig verstummten die Pinguine.
Als es hell wurde, sammelten sich nur noch Möwen am Kanal wenige Meter von meinem Zelt entfernt. Die Nacht wirkte plötzlich beinahe unwirklich – als hätte ich sie nur geträumt.












