Zwischen Regenfluten, Küstenwegen und Mückenschwärmen
Heute stand ich wieder sehr früh auf, um den ganzen Tag dem Fahrradfahren zu widmen. Ich packte meine Taschen, befestigte sie am Fahrrad, ölte noch einmal die Kette und machte mich auf den Weg. Nach etwa einer halben Stunde begann es zu regnen. Der erste Schauer war mit Regenjacke noch gut auszuhalten – doch rund 45 Minuten später öffnete der Himmel plötzlich alle Schleusen. Ich rettete mich schnell unter das Vordach eines verlassenen Hauses, wo kurz darauf ein vietnamesischer Bauer Zuflucht suchte, der gerade noch auf seinem Feld gearbeitet hatte. Nach nur fünf Minuten war der Spuk vorbei, und ich konnte meine Fahrt fortsetzen – dank des Unterschlupfs ohne komplett durchnässt zu werden.
Die Strecke führte mich an überschwemmten Feldern und grasenden Kühen vorbei. Dann zeigte mir meine Navigation eine alternative Route: eine kleinere Küstenstraße, die näher am Meer entlangführte. Ich entschied mich spontan für diesen Weg – und das war goldrichtig. Auf dieser Küstenstraße war kaum Verkehr, und ich fuhr zwischen Sanddünen, Feldern und alten Dünengräbern entlang. Viele dieser Gräber waren kunstvoll verziert, fast schon prunkvoll gestaltet, und strahlten eine unerwartete Schönheit aus. Die Straße war gut zu befahren und vor allem ruhig – ganz im Gegensatz zur lauten Hauptstraße, auf der ständig Busse und LKWs hupend vorbeirasen. Es tat gut, einmal mehr in der Natur zu sein und nicht ununterbrochen durch Dörfer zu fahren.
Nach rund 75 Kilometern legte ich meine Mittagspause ein. Kaum war mein Essen serviert, begann es in Strömen zu regnen – perfektes Timing! Während ich im Trockenen aß, prasselte der Regen draußen nieder. Als ich fertig war, hörte der Schauer auf, und ich konnte bei Sonnenschein weiterfahren.
Entlang der Strecke winkten mir Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu – selbst die älteren Dorfbewohner grüßten freundlich oder lächelten überrascht. Oft sehe ich in ihren Gesichtern so etwas wie Verwunderung und Freude zugleich – als wäre für einen kurzen Moment etwas völlig Unerwartetes in ihren Alltag eingebrochen. Wahrscheinlich begegnen sie hier nur selten einem Radreisenden.
Nach den vielen langen Tagen im Sattel machte sich heute mein Po deutlich bemerkbar. Die Schmerzen kamen plötzlich, obwohl ich sonst kaum Probleme hatte. Vielleicht lag es an den vielen 150-Kilometer-Etappen oder an der hohen Luftfeuchtigkeit, durch die meine Fahrradhose kaum richtig trocknet und dadurch stärker scheuert. Zum Glück steht übermorgen ein Ruhetag an – bis dahin sollte ich das noch aushalten können.
Am Abend erreichte ich schließlich die Halbinsel gegenüber der Stadt Huế. Das Gewusel auf den engen Straßen war typisch vietnamesisch – laut, chaotisch, aber irgendwie faszinierend. Mit meinem Fahrrad im Strom der Rollerfahrer mitzuschwimmen, war ein ganz besonderes Erlebnis. In einer kleinen Unterkunft auf der dem Meer abgewandten Seite der Insel fand ich schließlich ein Zimmer – das einzige im Umkreis von drei Kilometern. Ich war froh, nicht weiter suchen zu müssen, auch wenn der Preis mit rund neun Euro zu den höchsten meiner bisherigen Reise gehörte.
Zum Abendessen bekam ich noch eine große Schüssel Reis mit Spiegeleiern. Die Portion war so üppig, dass sie sogar noch für das morgige Frühstück reichen wird. Wegen der vielen Mücken am Wasser musste ich allerdings besonders aufpassen: Licht aus beim Türöffnen, Mückenklatsche griffbereit. Nach einem langen, erlebnisreichen Tag fiel ich schließlich müde ins Bett – bereit für die nächste Etappe nach Hội An.





