Tag
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Zwischen Dschungel, Regen und Touristenströmen am Er-Hai-See 
 
 
Heute ließ ich den Morgen ruhig angehen und startete erst spät, da ohnehin noch Regen angesagt war. Hätte ich mich früher auf den Weg gemacht, wäre ich nur länger im Nass gefahren. Direkt hinter dem Dorf begann der Anstieg: von 1.900 m auf 2.600 m. Der Weg führte durch dichten Dschungel, in dem es von Tierlauten nur so widerhallte. Die Wolken hingen mystisch tief in den Baumwipfeln, und immer wieder setzte Regen ein. Nach 40 Kilometern und 850 Höhenmetern erreichte ich den Pass, machte dort eine kurze Pause und genoss den Blick hinab in das tief liegende Tal, bevor es für mich bergab ging – begleitet von einer weiteren kräftigen Dusche von oben. 
 
Unten angekommen, öffnete sich das Panorama zum Er-Hai-See, der sich bis nach Dali erstreckt. Der Regen ließ nach, und ich konnte am Ufer entlangfahren. Ein perfekt ausgebauter Radweg führte ganze 60 Kilometer direkt am Wasser entlang – flankiert von einem riesigen, gepflegten botanischen Garten. Landschaftlich ein Traum, doch die Realität sah etwas anders aus: Tausende Touristen auf Leihfahrrädern, unaufmerksame Fahrer von E-Rollern, die lieber in die Landschaft starrten, und kleine E-Busse, die die Wege blockierten. Vor allem an Hotspots, wo Fotografen professionell Bilder von Besuchern machten, wurde es chaotisch. Meine Klingel kam heute häufiger zum Einsatz als an allen anderen Tagen zusammen. 
 
Trotz des Trubels konnte ich die Fahrt am See genießen – die Schönheit der Natur war einfach zu überwältigend. Am Ende des Radwegs erreichte ich Dali, die letzte große Stadt vor Kunming. Zelten kam hier nicht infrage, also gönnte ich mir erneut ein günstiges Hotel. Für nur elf Euro bekam ich ein top ausgestattetes Zimmer. Nach einem leckeren Abendessen fiel ich zufrieden und erholt ins Bett.