Von Shangri-La zu den weißen Terrassen
Der heutige Tag begann wie gewohnt mit meinem Frühstück: Instant-Nudeln, ein Apfel und ein paar Nüsse. Danach machte ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg. Die Route führte zunächst wieder an der heißen Quelle vorbei, die ich am Vortag besucht hatte, und dann stetig bergauf zum ersten Pass auf 3.600 Metern Höhe.
Schon am Vormittag setzte Regen ein. Da ich den Wetterbericht rechtzeitig gecheckt hatte, waren meine Regensachen griffbereit. Nach rund 50 Kilometern und einigen Höhenmetern legte ich meine erste Pause in einem kleinen Dorf ein, wo es einen Supermarkt gab. Dort hatte ich großes Glück: Ein älterer Herr schaltete extra für mich einen Heizstrahler an. So saß ich zusammen mit drei Dorfbewohnern in einer Art Wohnzimmer direkt neben dem Laden, trocknete meine Kleidung und wärmte mich gründlich auf, bevor es zurück in den Dauerregen ging.
Der Regen wurde immer stärker, und meine Strecke führte noch über mehrere Pässe: einmal auf 3.700 Meter und zweimal auf 3.500 Meter. Am höchsten Punkt des Tages winkte mir ein Chinese zu sich. Er bot mir Essen und heißen Tee an, und so saß ich für einige Minuten unter dem Schutz seines Kofferraumdachs. Es gab Teigtaschen mit Chili-Pesto – für meinen Geschmack viel zu scharf, aber trotzdem eine willkommene Stärkung. Lange konnte ich die Pause jedoch nicht genießen, da es dort oben nasskalt war. Also machte ich mich bald wieder auf den Weg.
Nach weiteren Kilometern und Passhöhen war ich klitschnass – von außen durch den Regen, von innen durch die „Schwitzsauna“ unter meinen Regenklamotten. Am Ende standen über 1.300 Höhenmeter, knapp 100 Kilometer und fünf Stunden Dauerregen bei sieben Grad auf dem Tacho, bis ich schließlich in Sanbaxiang ankam.
Dort wartete ein besonderes Highlight: die Weißen Terrassen. Diese geologischen Formationen entstanden durch das langsame Absetzen von Calciumcarbonat aus kalkhaltigem Quellwasser und bauten sich über Jahrtausende zu terrassenartigen Strukturen auf – von Dichtern oft als „Terrassen der Feen“ bezeichnet. Das Areal erstreckt sich über 3 km² und schimmert in den unterschiedlichsten Farben und Formen.
Ich kam gerade rechtzeitig, zehn Minuten vor Kassenschluss. Zum Glück hatte ich zuvor ein günstiges Hotel für 12 Euro die Nacht gefunden, mich dort kurz heiß geduscht und meine tropfnassen Klamotten vor der auf 30° gestellten Klimaanlage aufgehängt. Dann eilte ich zu den Terrassen.
Die Landschaft war atemberaubend: türkisfarbene Becken, weiße Kaskaden und filigrane Strukturen, die eher wie Kunstwerke aussahen als wie ein Naturphänomen. Durch die tief hängenden Wolken, den Regen und die wenigen Touristen wirkte die Szenerie fast mystisch. Ich blieb bis zum Schluss und verließ das Areal als letzter Besucher gemeinsam mit dem Aufseher.
Zurück im Ort deckte ich mich noch mit Vorräten ein und stärkte mich mit einem weiteren Teller Reis. Im Hotel begann dann die große Trockenaktion: Mit dem Föhn bearbeitete ich Schuhe, Handschuhe, Radhose und Jacke, bis alles wieder startklar war. Den Rest übernahm über Nacht die Klimaanlage, die ununterbrochen auf 30° lief. So war ich bestens vorbereitet auf den nächsten Tag – auch wenn wieder Regen angesagt war.







