Der höchste Pass meiner Reise und eine herzliche Einladung
Am Morgen erwachte ich ausgeschlafen und erholt. Die Entscheidung, in einem Hotel zu übernachten, hatte sich als goldrichtig erwiesen – vermutlich hatten die Höhe, die körperliche Anstrengung sowie möglicherweise verdorbenes Essen oder Trinken in den vergangenen Tagen an meinen Kräften gezehrt. Nun konnte ich nahtlos in den neuen Tag starten.
Gleich zu Beginn führte der Weg aus dem Dorf hinauf auf den ersten Pass des Tages, der auf 4.400 Metern Höhe lag. Auf dem Weg dorthin passierte ich ein prachtvolles tibetisches Stadttor, das mir sinnbildlich den Übergang in eine längere Phase völliger Abgeschiedenheit signalisierte – umgeben von Natur und Bergen, bis ich wieder auf eine Stadt treffen würde. Bemerkenswert ist, dass sich auf fast jeder Passhöhe eine tibetische Grabstätte, ein Denkmal oder ein Kloster befindet. Auch auf diesem ersten Pass stand ein kleines tibetisches Kloster, dessen kunstvolle Verzierungen, leuchtende Farben und aufgemalten Geschichten mich tief beeindruckten. Nach einer kurzen Pause, um den Anblick zu genießen, begann die Abfahrt.
Auf etwa 4.200 Metern angekommen, begann der eigentliche Kraftakt des Tages: ein langer Anstieg von rund 700 Höhenmetern. Links und rechts ragten die Berge imposant in den Himmel, während sich die Straße stetig bergauf schlängelte – mit gelegentlichen kurzen Abfahrten, bevor es wieder weiter nach oben ging. Nach dreieinhalb Stunden ununterbrochenen Tretens erreichte ich schließlich den höchsten Punkt, den ich jemals mit dem Fahrrad erklommen hatte: 4.815 Meter über dem Meeresspiegel.
Schon während der letzten Stunde hatte ich beobachtet, wie sich hinter mir dunkle Wolken zusammenzogen. Aus den Erfahrungen der letzten Tage wusste ich, wie schnell hier in extremer Höhe das Wetter umschlagen kann. Deshalb verweilte ich nur kurz auf der Passhöhe und begann sofort mit der Abfahrt – die Regenfront war kaum fünf Minuten entfernt. Da dieser Pass über die umliegenden Gipfel hinausragte, bot er kaum natürlichen Schutz vor dem nahenden Unwetter.
Die Abfahrt war ein rauschendes Fest der Freude: Innerhalb von nur zehn Minuten legte ich 500 Höhenmeter bergab zurück und erreichte dabei Geschwindigkeiten von bis zu 50 km/h. Alles, was ich mir in den Stunden zuvor mühsam erkämpft hatte, flog nun im Fahrtwind an mir vorbei.
In Gyairong angekommen, suchte ich zunächst ein Restaurant auf, um am Nachmittag ausgiebig zu essen, und füllte anschließend in einem kleinen Supermarkt meine Vorräte an Essen und Trinken auf. Da die Wettervorhersage für die Nacht Dauerregen ankündigte und der Himmel sich zusehends verdunkelte, machte ich mich auf die Suche nach einem geschützten Schlafplatz.
Hinter dem Dorf entdeckte ich das erste ländliche Anwesen, wo gerade ein junger Mann auf dem angrenzenden Feld arbeitete. Ich fragte ihn, ob ich mein Zelt wettergeschützt in einem der Gebäude aufstellen dürfe. Zu meiner Freude stimmte er sofort zu – und bot mir sogar an, im Wohnzimmer seiner Familie auf einem Bett zu schlafen. Dankbar nahm ich dieses großzügige Angebot an.
Am Abend saßen wir lange zusammen und unterhielten uns mithilfe von Übersetzer-Apps, die erstaunlich gut funktionierten. Die Familie war sehr neugierig auf meine Reise und wollte alles über meinen bisherigen Weg erfahren. Später führten sie mich hinaus, um mir ihre Yak-Herde zu zeigen.
Müde, erfüllt von dieser warmherzigen Begegnung und mit der wohligen Wärme des Kamins im Rücken, schlief ich schließlich im Wohnzimmer ein – während draußen der Regen unaufhörlich auf das Dach prasselte.










