Polizei, Verbot, Umweg: Ein ungeplanter Riesenbogen durch Xinjiang
Heute Morgen wachte ich friedlich in meinem Zelt am Fluss auf. Während ich meine Sachen zusammenpackte, zogen ruhig Kühe, Pferde und ein Reiter an mir vorbei – letzterer hielt von der gegenüberliegenden Flussseite aus seine Schafherde im Blick. Ein ruhiger, beinahe idyllischer Start in den Tag.
Dann ging es für mich weiter – bergauf, Richtung Süden. Doch bereits nach 15 Kilometern wurde ich von der Polizei gestoppt. Man erklärte mir, ich solle an Ort und Stelle warten, da in etwa 30 Minuten andere Beamte kommen würden, um mich zu befragen. Besonders motiviert war ich dafür allerdings nicht. Als die Polizisten sagten, sie müssten erst noch etwas erledigen, dachte ich mir: Wenn ich jetzt weiterfahre, fällt es vielleicht gar nicht auf.
Doch 20 Minuten später holte mich die Polizei ein – andere Beamte diesmal – und forderte mich zum Umkehren auf. Die Straße, auf der ich unterwegs war, führt allerdings schnurgerade durch die Berge, ohne jede Abzweigung. Ich versuchte zu argumentieren, dass ich nur in eine Richtung könne und wollte weiterfahren. Doch die Diskussion war vergeblich: Es stellte sich heraus, dass ich in eine militärisch kontrollierte Zone geraten war, in der nur chinesische Staatsbürger erlaubt sind.
Letztlich musste ich umkehren – zurück in Richtung Grenze. Ein weiterer Polizeiwagen fuhr mich schließlich bis zur Grenzlinie des Sperrgebiets, wobei mein Pass vorübergehend einbehalten wurde. An der Grenze erhielt ich ihn wieder zurück, nicht jedoch ohne eindringliche Warnung, auf keinen Fall nochmals in diese Richtung zu fahren.
So ging es für mich zurück – die 1000 Höhenmeter bergab, die ich am Vortag mühsam erklommen hatte. Nach etwa 45 Kilometern erreichte ich einen Abzweig, der über einen Pass auf die andere Seite des Gebirges führen sollte. Es war der einzige erlaubte Weg, da alle anderen Routen ebenfalls gesperrt oder für Ausländer verboten waren. Doch dieser Weg bedeutete erneut viele zusätzliche Höhenmeter – ein mühsamer Rückschritt, nachdem ich gerade erst aus ähnlicher Höhe gekommen war.
Also beschloss ich zu trampen. Zunächst hatte ich kein Glück, doch nach etwa 30 Minuten hielt ein Pick-up an. Der Fahrer war freundlich und half mir, das Rad hinten auf der Ladefläche festzugurten. Die Taschen kamen mit in die Fahrerkabine. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg über den Pass.
Doch auch diese Strecke sollte nicht ohne Hindernisse bleiben: Etwa 80 Kilometer später war die Straße wegen Felsrutsch gesperrt – ein Resultat der starken Regenfälle vom Vortag. Nach kurzem Überlegen entschied der Fahrer, nicht zu warten, sondern einen Riesenumweg von 800 Kilometern (!) zu fahren – acht Stunden Fahrtzeit, um das gesamte Bergmassiv zu umkreisen. Ziel: die Stadt Kuytun, zurück auf der anderen Seite der Berge, von der aus ich meine geplante Route wieder aufnehmen könnte.
Nach stundenlanger Nachtfahrt kamen wir gegen drei Uhr morgens in Kuytun an. Der Fahrer versuchte noch, ein Hotel für mich zu finden – jedoch war alles ausgebucht. Also blieb mir nichts anderes übrig, als in der Dunkelheit alle Taschen wieder ans Fahrrad zu montieren und noch einmal 3 Kilometer durch die Stadt zu radeln, bis ich schließlich ein freies Zimmer fand.
Völlig erschöpft, aber dankbar, fiel ich ins Bett – nach einem der chaotischsten und unerwartetsten Reisetage bisher. Ein Tag, der mir eindrucksvoll vor Augen geführt hat, wie strikt die chinesischen Grenz- und Sperrgebiete kontrolliert werden – und wie wichtig Flexibilität und Geduld in einem solchen Land sind.



