Tag
1

Regen, Schafe und ein bisschen Sonne

Ich konnte heute endlich einmal ausschlafen – die Nacht verlief ruhig, keine Polizei, die mich aufweckte, keine unerwarteten Störungen. Nur der Regen, der sanft auf mein Zeltdach trommelte, und eine kleine Maus, die sich wohl unter meiner Zeltplane ein trockenes Versteck gesucht hatte, waren meine nächtlichen Begleiter.

Zum Frühstück reichten gerade noch die letzten Reserven: ein paar Schokokekse und ein Snickers-Riegel. Danach packte ich zusammen und verließ mein kleines Versteck zwischen Maisfeld und Wald. Es regnete immer noch, und so startete ich den Tag mit meiner Regenjacke und dem vertrauten Gefühl, dass alles etwas langsamer gehen würde.

Der Weg führte mich kontinuierlich bergauf, und das bei anhaltendem Nieselregen. Die Strecke wurde zäh – nicht nur wegen der Steigung, sondern auch, weil ich auf einen ewig langen Stau geriet. Ich schlängelte mich zwischen den Autos hindurch, rechts, links, immer weiter nach oben. Offenbar wird auf diesem Abschnitt in Richtung Ürümqi eine neue Straße gebaut, weshalb sich der Verkehr staut und kaum noch vorankommt.

Nachmittags hörte es endlich auf zu regnen, und ich kehrte irgendwo an der Strecke ein, um etwas Warmes zu essen. Danach fuhr ich leicht fröstelnd und immer noch feucht weiter, bis ich auf etwa 2000 Höhenmetern einen kleinen, unauffälligen Schleichweg neben der Straße entdeckte. Ich bog ab, fuhr ein Stück Richtung Fluss, immer tiefer hinein zwischen Bäumen und Böschungen, bis ich eine geschützte Stelle erreichte – kaum einsehbar von der Straße, abgeschirmt durch dichte Vegetation.

Dort, an der Gabelung eines Seitenbachs mit dem Hauptfluss, schlug ich mein Zelt auf. Genau in dem Moment, als ich mit dem Aufbau begann, brach die Sonne durch die Wolken und tauchte alles in ein warmes, goldenes Licht. Es war ein magischer Moment.

Und dann – als würde die Natur mir zeigen wollen, dass ich hier genau richtig bin – tauchte ein kleiner Trampelpfad direkt neben meinem Zelt auf, auf dem eine Herde Kühe den Fluss durchquerte. Sie blieben kurz stehen, blickten verwundert auf mein Zelt, schnaubten, und zogen dann weiter. Wenige Minuten später erschien auf der gegenüberliegenden Seite eine ganze Schafherde.

Ich musste grinsen. Es fühlte sich richtig an – diese Ruhe, diese Tiere, diese Natur. Und dann kam auch noch der Schäfer auf seinem Pferd durch den Fluss geritten, winkte mir freundlich zu und ritt mit seiner Herde weiter. Ich hoffe, dass er die einzige Person bleibt, die mich heute gesehen hat – und dass er niemandem etwas davon erzählt, schon gar nicht der Polizei.

So saß ich am Fluss, der sich ruhig durch die Landschaft zog, genoss den Sonnenuntergang, der sich zwischen die letzten Regenwolken schob, und schrieb diesen Blogeintrag – dankbar, heute einmal ungestört, versteckt und in Harmonie mit der Natur sein zu dürfen.