Tag
1

150 Kilometer durch Hitze, Gegenwind und Mückenhölle

Die Nacht war leider nicht besonders erholsam. Mein Zelt stand leicht schräg, und so rutschte ich samt Schlafsack ständig auf der Isomatte nach unten. Das war ziemlich nervig, aber ein besserer Untergrund war an dem Platz einfach nicht zu finden gewesen.

Am Morgen war die Müdigkeit wie weggeblasen. Ich fühlte mich wieder voller Energie für den bevorstehenden Tag – schließlich wollte ich ein gutes Stück in Richtung chinesischer Grenze vorankommen. Zum Frühstück gab es Müsli mit Joghurt und eine Banane, die ich mir am Vortag im Supermarkt besorgt hatte – ein starker Start in den Tag.

Dann ging es die Berge hinunter. Heute navigierte ich nicht mit Komoot, weil die App an mehreren Stellen falsche Strecken zeigte und mich auf absurde Umwege schicken wollte. Stattdessen hielt ich mich an meine Offline-Karten. Dabei übersah ich jedoch einen Abzweig und fuhr etwa 5 km zu weit bergab, bevor ich den Fehler bemerkte und wieder ein Stück zurückfuhr.

Der Weg führte mich schließlich von 1850 m Höhe auf nur noch 650 m hinab – und mit den fallenden Höhenmetern kam auch die steigende Hitze. Mittags zeigte das Thermometer satte 35 °C, und die ersten 40 km führten mich durch eine staubige Wüstenlandschaft. Dazu kam noch Gegenwind, was zwar die Hitze etwas erträglicher machte, mich aber auch ordentlich ausbremste.

In einem kleinen Dorf nach rund 65 km machte ich meinen ersten Stopp. Ich musste dringend Wasser nachkaufen – insgesamt füllte ich etwa 4 Liter auf. Dafür musste ich erst einmal Bargeld abheben, was ich eigentlich vermeiden wollte, da ich nur ein paar Tage in Kasachstan bin. Aber bei diesen Temperaturen ging Wasser vor Plan.

Nach dem Dorf ging es weiter durch einen kleinen Canyon, dann wieder leicht bergab, diesmal mit etwas weniger Wind. Immer wieder suchte ich unterwegs kurzen Schatten, um mich etwas abzukühlen – mein Körper musste sich erst wieder an die Hitze gewöhnen.

Nach unglaublichen 153 km kam ich am Abend an meinem experimentellen Schlafplatz an. Ursprünglich wollte ich direkt am Fluss zelten. Doch eine durchgehende Leitplanke trennte mich vom Ufer. Ich hatte weder Lust noch Energie, mein voll bepacktes Fahrrad darüber zu hieven. Also wich ich auf einen Nebenweg aus, der zu einer Raststätte führte – in der Hoffnung, dort ans Wasser zu kommen.

Doch bevor ich diesen Weg einschlug, kletterte ich über mehrere Leitplanken, um auf der anderen Straßenseite an einer Tankstelle dringend benötigtes Wasser und eine kalte Fanta zu kaufen. Mein Rad ließ ich an der Leitplanke stehen – mit dem Gefühl: Wer hält schon mitten auf der Autobahn an?

Zurück am Rad wollte ich dann Richtung Fluss fahren. Doch plötzlich stoppte ein großer Bachlauf meinen Plan – zu tief, als dass ich mit Rad und Gepäck trockenen Reifens durchgekommen wäre. Also beschloss ich, mein Zelt direkt am Rand dieses Wasserlaufs aufzuschlagen.

Der Platz war nicht ideal, aber ruhig. Immer wieder kamen Sonntagsausflügler mit dem Auto vorbei, fuhren durch das Wasser oder hielten an, um kurz mit mir zu plaudern. Einer schenkte mir sogar ein frisches Baguette. Ich machte mir Nudeln, aß ein paar Tomaten und wollte gerade die Abendstimmung genießen – doch dann kamen sie: tausende Stechmücken.

Es war eine regelrechte Invasion, schlimmer als alles, was ich in Finnland erlebt habe. Ich versuchte, mich während meiner Abendroutine irgendwie zu verteidigen – fuchtelte wild mit den Armen, während ich mich dehnte, eincremte und Zähne putzte. Selbst das Mücken-freie Einsteigen ins Zelt war trotz Masterplan unmöglich. Drinnen verbrachte ich dann noch eine gute Weile mit dem Mückenmassaker. Mindestens 15 Stück mussten dran glauben.

Doch damit war der Abend noch nicht vorbei: Der Bach, in dem ich mich kurz zuvor noch erfrischend gebadet hatte, fing plötzlich stark an zu stinken – es roch eindeutig nach Fäkalien. Ich vermute, dass die angrenzende Raststätte ihre Abwässer in diesen Bach leitet. Nicht gerade der romantische Zeltausklang, den ich mir vorgestellt hatte.

Ich hoffe nur, dass ich morgen früh keine Hautausschläge habe – als ich badete, war der Geruch nämlich noch nicht da.

Und dann: Ab ins Bett.