Zufälle am See und ein langer Ritt durch den Regen
Eigentlich wollte ich heute früh raus, doch mein Körper hatte andere Pläne. Den Wecker um 5:30 Uhr hörte ich gar nicht – stattdessen wachte ich erst gegen 8:00 Uhr auf. Als ich das Zelt öffnete und in den Himmel schaute, sah ich, dass die Nacht Regen gebracht hatte. Ein schneller Check der Wetter-App verriet mir, dass in wenigen Minuten der nächste Schauer bevorstand.
Das bedeutete: Frühstück streichen, alles zügig zusammenpacken, Zelt im Trockenen verstauen und losfahren. Ich wusste, dass es in den Bergen meist mehr regnet als weiter unten am See. Also trat ich kräftig in die Pedale, um die letzten Höhenmeter schnell zu überwinden und nach ca. 45 Kilometern den Issyk-Kul-See zu erreichen.
Der Weg dorthin zog sich jedoch länger hin als erwartet. Am See angekommen, war ich beeindruckt von dessen Dimensionen – wie ein kleines Meer, so weit das Auge reichte, nur Wasser bis zum Horizont.
Da ich nicht die stark befahrene Hauptstraße entlangfahren wollte, nahm ich eine ruhigere Route, die den See auf der rechten Seite umfährt. Die flache Strecke auf der Hochebene auf 1.700 m versprach eigentlich eine entspannte Fahrt, jedoch machte kräftiger Gegenwind daraus eine kraftraubende Angelegenheit.
Nach 60 Kilometern machte ich eine Pause und bog in die erste Strandzufahrt ein, die ich auf der Karte sah. Ich fuhr mit dem Rad direkt an die Wasserkante, setzte mich auf den Boden und aß ein paar Muffins und eine Banane. Als ich mich umschaute, traute ich meinen Augen kaum: Hinter mir stand der Camper der Italiener, die ich im Pamir in Alichur getroffen hatte.
Was für ein Zufall! Genau an diesem Ort, genau zu dieser Zeit. Wir begrüßten uns herzlich und tauschten uns aus. Ich erzählte von meinem Fahrrad-Drama, sie berichteten von einem dreitägigen Grenzchaos: Ohne gültiges Permit versuchten sie, in Kirgistan einzureisen – nach dem Motto „No risk, no fun“. Am Ende saßen sie mit vielen anderen Reisenden an der Grenze fest. Als die Agentur, die für die Permits zuständig war, die Daten nicht richtig übermittelt hatte, standen plötzlich sechs Motorradfahrer, zwei Backpacker und mehrere Autos ohne gültige Einreisegenehmigung da.
Ein Agent kam nach drei Tagen mit den nötigen Papieren und verlangte 30 € pro Person, um die Italiener „durchzuschleusen“. Ihnen war das zu teuer. Doch als durch die plötzliche Bewegung aller anderen Fahrzeuge das Tor offenstand, nutzten sie die Gelegenheit und fuhren einfach durch – unbehelligt.
Während wir plauderten, kam ein Kirgise mit seiner Familie dazu. Wir kamen ins Gespräch – interessant war, was er über die Spannungen zwischen Tadschikistan und Kirgistan sowie über seine Erfahrungen in Russland erzählte. In Tadschikistan hätte er als Kirgise Angst um sein Leben, meinte er. In Russland hingegen werde er schlecht behandelt – während man in Kirgistan allen freundlich begegne.
Nach dem netten und zufälligen Wiedersehen rief mich der Himmel zur Weiterfahrt. Eine Regenfront rückte bedrohlich näher. Im letzten Dorf vor dem nächsten Pass deckte ich mich noch mit Proviant ein und zog direkt die Regensachen an – es begann schon zu nieseln. Die Straße war halb asphaltiert, halb eine schlammige, schottrige Piste. Ich sah zwar, dass die Strecke gerade ausgebaut wird, aber oben auf dem Pass war es durch Regen, Matsch und Kälte ziemlich unangenehm. Etwa drei Stunden lang fuhr ich durch Dauerregen, völlig durchnässt.
Mein Ziel war es, wieder an den Issyk-Kul-See zurückzukommen und dort zu übernachten. Beim letzten Anstieg holte ich mir noch eine Fanta und Wasser an einer Tankstelle und fuhr im Sonnenuntergang, unter dramatisch aufgerissenen Wolken, den Hang hinunter zum See.
Dort fand ich einen kleinen Strand und stellte mein Zelt abseits in einer Ecke auf. Ich sprang kurz in den See, um mich zu waschen, kochte mir im Dunkeln noch Nudeln und ging meiner Abendroutine nach. Erschöpft, aber zufrieden schlief ich schließlich ein – begleitet vom sanften Plätschern des Sees.





