Rückzug vom Pass und Höllenfahrt
Trotz neun Stunden Schlaf fühlte ich mich am Morgen seltsam benebelt und träge. Mein Körper wirkte schlapp, mein Kopf unklar – keine gute Voraussetzung für einen Tag in den Bergen. In der Nacht hatte ich stark geschwitzt und spätestens bei meinem morgendlichen Toilettengang wurde mir klar, woran es lag: Das Essen der Familie, die mich am Vorabend eingeladen hatte, war wohl doch nicht ganz gut gewesen.
Ich versuchte es trotzdem. Nach etwa 15 Kilometern begann der Aufstieg – es wurde zunehmend steil, heiß und steinig. Als meine Reifen auf dem losen Untergrund durchdrehten und ich kaum noch vorankam, setzte ich mich unter einen Baum. Ich war völlig kraftlos.
Wie aus dem Nichts kam ein alter sowjetischer Viehtransporter vorbei. Ich hielt ihn an und fragte, ob er mich mitnehmen könne – er sagte ja. Hinten auf der Ladefläche war bereits eine Mutterkuh mit Kalb. Dazu kamen jetzt mein Fahrrad und meine Taschen. Ich dachte: „Wird schon gehen.“
Doch was folgte, war eine Höllenfahrt. Die Federung des Lasters war quasi nicht vorhanden – Starrgabel-Feeling pur. Bei jedem Loch wurde ich gegen die Metallwand geschleudert, mein Fahrrad flog kreuz und quer durch die Ladefläche. Zweimal durchquerten wir Flüsse, bei denen ich allein definitiv nicht durchgekommen wäre. Als wir schließlich zwei riesige Bodenwellen passierten, wurden die Kühe mit voller Wucht gegen mich geschleudert – da hörte der Spaß auf.
Ich rief dem Fahrer zu, dass ich sofort aussteigen will. Weder ich noch mein Rad konnten diese Tortur länger mitmachen. Dann verlangte der Fahrer auch noch Geld für die Schmerzen, wie er es nannte – eine Frechheit! Ich gab ihm trotzdem einen kleinen Betrag und war froh, dass er mich nicht weiter nervte.
Vor mir lag nun der berüchtigte Pass – 1000 Höhenmeter auf 6 Kilometern, mit einer durchschnittlichen Steigung von 23 %. Unmöglich mit meinem Reiserad und Gepäck. Zum ersten Mal auf dieser Reise musste ich mir eingestehen, dass ich etwas nicht fahren konnte. Aber zurück? Auch das war nicht einfach. Der steile, unwegsame Weg mit Flussdurchquerungen war auf zwei Rädern nicht passierbar.
Ein kleines Jurtendorf wurde mein Rettungsanker. Einer der Männer dort hatte einen kleinen Transporter – meine einzige Chance. Doch er roch meine Notlage und wollte 100 Dollar für die 70 Kilometer zurück in die nächste Stadt Bazar-Korgon – das Fünffache des normalen Preises. Ich blieb hartnäckig, bot ihm 50 Dollar (immer noch überteuert, aber fairer). Als ich den Schein schließlich in der Hand hielt, lenkte er ein.
Also wurde ich mitsamt meinem Rad und Gepäck wieder zurück ins Tal gebracht – alles, was ich heute und gestern mühsam erkämpft hatte, war damit zunichte. Aber: Ich war sicher raus aus den Bergen.
In Bazar-Korgon suchte ich lange nach einer Unterkunft, fand schließlich ein einfaches Hotel – und fiel völlig erschöpft ins Bett. Was für ein Tag.



