Raus aus Tadschikistan, rein ins Chaos: Ein Grenzübertritt mit Stolpersteinen
Heute war es so weit: Der große Tag, an dem ich Tadschikistan verlassen und nach Kirgistan einreisen würde. Aber wie so oft beginnt das Abenteuer nicht an der Grenze, sondern schon viel früher.
Der erste Anstieg des Tages brachte mich auf etwa 4200 Meter – anstrengend, aber machbar. Die Aussicht auf den türkisblauen Karakul-See wurde mit jedem Höhenmeter beeindruckender. Danach ging es in ein wunderschön geformtes Bergtal, dessen Szenerie fast surreal wirkte. Auf dem teils noch gut erhaltenen Asphalt konnte ich das Rad entspannt rollen lassen – ein seltener Genuss in dieser Region.
Doch das hielt nicht lange an. Am Punkt, an dem der Anstieg aus dem Tal wieder begann, drehte das Wetter. Ein brutaler Gegenwind setzte ein, und die Straße verwandelte sich in ein einziges Schlaglochfeld. Es wurde ein richtiger Kampf – gegen Wind, Geröll und steile Passagen. Trotzdem war die Landschaft ringsum atemberaubend.
Nach langem Ringen erreichte ich schließlich den Kryzylart-Pass auf über 4300 Metern – und mit ihm den tadschikischen Grenzposten. Dort lief noch alles halbwegs glatt: Special Permit, Visa, Polizeiregistrierung – alles gültig, also durfte ich weiter.
Doch die Abfahrt auf der kirgisischen Seite wurde zur Tortur. Die Wege wurden nicht etwa besser – nein, sie wurden noch schlechter. Mit gerade einmal 5 km/h schlich ich über Wellblechpisten, Steine und durch Schlammbäche. Besonders eindrucksvoll: Die vielen kleinen Beuteltiere, die hier in der kargen Hochebene aus ihren Erdbauten hervorschauten – ein seltener Anblick auf tadschikischer Seite.
Dann kam ein besonders breiter, schlammiger Fluss. Ich versuchte mein Glück im Durchfahren – ein Fehler. Unsichtbarer Felsen, Gleichgewicht verloren, Fuß ins eiskalte Wasser gesetzt. Nasse Schuhe. Perfekt für 4000 Meter Höhe und Wind. Also: Schuhe aus, Socken auswringen, fluchen, weiter.
An der offiziellen kirgisischen Grenzstation angekommen, dachte ich, der Ärger wäre vorbei – doch es kam schlimmer. Der Grenzbeamte, scheinbar analog sozialisiert, wühlte sich durch eine nach Datum sortierte Papierliste mit Zehntausenden Namen. Ich zeigte ihm sogar die Quittung meiner Agentur – ohne Erfolg. Wäre mir klar gewesen, dass die Liste nach Kaufdatum sortiert ist, hätte ich selbst gezielt helfen können.
Nach 90 Minuten (!) fand er mich endlich – ganz unten auf der Liste. Aber das war erst der Anfang. Denn er war „nicht zuständig“, sondern nur für das Finden des Namens verantwortlich. Ich dachte nur: Wo bin ich hier gelandet? In der Steinzeit?
Nach weiteren Minuten erschien dann sein „Chef“ – mit Kalaschnikow um den Hals – und erledigte in zwei Minuten den Rest. Aber da war der Schaden längst angerichtet: Zwei Stunden Zeitverzögerung, die mir das Tageslicht raubten.
Keine zehn Minuten später zogen tiefschwarze Wolken auf. Ein kurzer, aber heftiger Schauer zwang mich zum Anhalten – das Wasser von oben passte perfekt zum innerlichen Frust über die Grenze.
Mit letzter Kraft erreichte ich nach weiteren 25 Kilometern auf kaputtem Teer das kleine Dorf Sary-Tash (nicht Satachi), wo ich mir ein Hostel nahm. Eine warme Dusche rettete meinen Tag.
Danach hieß es: SIM-Karte besorgen, Bargeld abheben, Offlinekarten laden – ein neues Land bedeutet neue To-dos. Abends gab’s ein deftiges Essen, und dann tauchten auch wieder die Niederländer auf. Zusammen mit einem israelischen Backpacker redeten wir noch bis spät in die Nacht über alles Mögliche – von Kirgistan bis Australien.
Nebenbei musste ich mich aber auch mit einem leidigen Thema beschäftigen: dem immer problematischer werdenden Rahmen meines Fahrrads von Böttcher. Ein echtes Sorgenkind – nervig, aber eben auch Teil des Abenteuers.







