Tag
1

Zwischen Grenzfluss, Schraubendrama und Marillenmarmelade

Am Morgen wurde ich von der aufgehenden Sonne geweckt. Endlich nahm ich mir die Zeit für ein ausgewogenes Frühstück: die Nudeln vom Vortag, die ich nicht mehr geschafft hatte, und ein Porridge mit einer völlig zerquetschten Banane – die überleben in meinen Fahrradtaschen ohnehin selten lange. Durch das unebene Gelände werden sie meist noch schneller zu Bananenmatsch.

Nach dem Frühstück baute ich mein Zelt ab und packte meine Taschen. Plötzlich tauchten zwei tadschikische Soldaten auf. Sie erklärten mir freundlich, dass das Zelten am Grenzfluss zu Afghanistan nicht erlaubt sei. Ich nahm es gelassen – sie waren interessiert an meinem Equipment, wirkten aufgeschlossen und waren in meinem Alter. Die Begegnung war eher nett als beunruhigend.

In der nächsten kleinen Stadt hatte ich dann wieder Internetempfang. Das war wichtig, denn ich hatte am Antriebsriemen meines Fahrrads bereits tiefe Risse an den Zähnen entdeckt. Ich schrieb meinem Mechaniker, ob ich noch ein paar Kilometer weiterfahren könne oder ob ein sofortiger Wechsel nötig sei.

Die Antwort war eindeutig:

Unbedingt sofort wechseln! Wenn dir beim Bergauffahren ein Zahn abbricht, können gleich mehrere folgen – du trittst dann ins Leere und riskierst einen schweren Sturz.“

Also suchte ich per iOverlander-App nach einer Werkstatt im Dorf – und fand tatsächlich eine. Dort angekommen, baute ich mein Hinterrad aus und wollte das Rahmenschloss öffnen, um den Riemen herauszubekommen. Das ist notwendig, da es sich um einen geschlossenen Riemen handelt, der nur durch Öffnen des Rahmens entnommen werden kann – anders als bei einer Kette mit Kettenschloss.

Doch da war wieder dieses alte Problem: die billigen Schraubenköpfe des Rahmenschlosses. Ich hatte es schon einmal in Kroatien versucht und damals festgestellt, dass die Schrauben beim kleinsten Drehversuch durchdrehen. Diesen Ärger hatte ich offenbar erfolgreich verdrängt – bis jetzt.

Ich kontaktierte erst mal wieder meinen Mechaniker, bevor ich irgendwelche riskanten Schritte ging. Nach etwas Recherche kamen wir zu dem Entschluss: Die einzige Chance besteht darin, die Schraubenköpfe anzuschweißen, um einen Hebel ansetzen zu können.

Als ich dem örtlichen Mechaniker in der Werkstatt diese Idee erklärte, war er zunächst nicht begeistert. Nebenbei war er gerade damit beschäftigt, Autoreifen zu flicken – ein echter „Mechaniker für alles“. Plötzlich war er verschwunden, und der Chef der Werkstatt tauchte auf. Er forderte mich auf, mein Fahrrad draußen zu lassen und meine Taschen in die Werkstatt zu bringen. Zwei ältere Herren sollten darauf aufpassen.

Mit einem mulmigen Gefühl ließ ich mein Rad zurück und folgte dem Chef zu ihm nach Hause, wo er mir prompt Mittagessen anbot – begleitet von laut laufendem russischem Propagandafernsehen. Während er entspannt aß, wuchs meine innere Unruhe. Ich hatte keine Ahnung, wann oder ob ich überhaupt an diesem Tag weiterfahren konnte.

Nach dem Essen gingen wir endlich zurück. Mein Rad stand noch da, die beiden alten Männer ebenfalls. Kurz darauf kam ein Mann mit einem schwarzen Jeep vorbei – der „Meister“, wie ihn alle nannten. Offenbar der Mann, den man ruft, wenn sonst niemand mehr weiterweiß. Gemeinsam fuhren wir mit meinem Rad zu seiner Werkstatt.

Dort versuchten wir zuerst, die Schrauben mit WD-40 zu lösen – ohne Erfolg. Als nächstes wollten wir Schlitze in die Schraubenköpfe schlagen, um sie mit einem flachen Schraubenzieher öffnen zu können. Auch das funktionierte nicht. Schließlich blieb nur noch Plan C: die Köpfe vorsichtig anschweißen. Damit konnten wir immerhin zwei Schrauben erfolgreich entfernen. Die anderen beiden jedoch brachen ab.

Immerhin: Nun ließ sich das Rahmenschloss entfernen, und da ich zum Glück ein Ersatz-Schloss dabeihatte, konnte ich dieses einfach einsetzen. Ich erinnerte mich an zwei ähnliche Dramen mit Schaltaugen in Nordmazedonien – diesmal war ich vorbereitet.

Ich baute den neuen Riemen ein, verstaute alles wieder und verabschiedete mich von den Kindern, die mir beim Zusammenbauen zuschauten. Als ich dem Meister für seine Hilfe danken wollte, forderte er plötzlich 3000 Somoni – umgerechnet etwa 266 Euro für eine Stunde Arbeit.

Ich war völlig baff. Natürlich machte ich ihm klar, dass das absurd ist. Entweder hatte er sich mächtig verrechnet – oder wollte mich übers Ohr hauen. Ich gab ihm stattdessen 100 Somoni (ca. 9 Euro) – immer noch großzügig für lokale Verhältnisse – und fuhr mit leichtem Kopfweh vor lauter Stress weiter. Ich wollte den neuen Riemen noch “feierlich einweihen”.

Nach ein paar Kilometern kam ich an einem Gästehaus vorbei. Der Gastgeber war unglaublich freundlich, zeigte mir gleich mein Zimmer und erklärte, dass Abendessen und Frühstück kostenlos seien. Ich war sprachlos – er wollte mich einfach nur unterstützen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Nach einer kurzen Dusche gab es ein wunderbares Abendessen: Kartoffeln, selbst gemachte Nudeln, frisches Brot – und Marillenmarmelade. Das war das Highlight des Tages. Ich hatte auf der ganzen Reise noch nie Marmelade bekommen – und diese war einfach unglaublich gut.

Ich saß da, mit Brot in der einen und Marmelade in der anderen Hand, und lächelte einfach nur still vor mich hin. Manchmal sind es die kleinsten Dinge, die am meisten Glück bringen.

Am Abend fiel ich todmüde, aber dankbar in mein Bett.