Von Darvoz bis ans Ende der Großbaustelle – ein Tag voller Kontraste
Die Sonne schien durch mein Fenster und weckte mich sanft – Zeit zum Aufstehen, Frühstücken und Sachen packen. Als ich im Hostel Roma in Darvoz auschecken wollte, kam es allerdings zu einer unschönen Überraschung: Ich war mir sicher, dass mir der Preis von 200 Somoni (ca. 17 €) für zwei Nächte mit Frühstück und Abendessen genannt worden war. Da ich aus Erfahrung auf meiner Reise gelernt habe, Missverständnisse im Voraus zu vermeiden, frage ich in solchen Situationen meist zweimal nach.
Doch nun hieß es plötzlich: 200 Somoni – pro Nacht.
Nach einer kurzen, sachlichen Diskussion einigten wir uns auf einen Mittelwert. Niemand wusste mehr genau, wo das Missverständnis entstanden war. Ein bisschen Frust schwang dennoch mit – nicht zuletzt, weil ich im Zimmer eine Kakerlake an der Decke entdeckt hatte. Gerade in tropischen Ländern können diese Tiere Krankheiten übertragen. Auch das WLAN war meist instabil.
Trotzdem: Das Essen war lecker, die Betten bequem und die Gastgeber freundlich. Unter dem Strich würde ich das Hostel weiterempfehlen – in Darvoz gibt es ohnehin kaum bessere Optionen.
Dann ging’s endlich los – auf Asphalt!
Nach Tagen auf Schotter und Schlaglochpisten war es ein Hochgefühl, endlich wieder flüssig und ruhig rollen zu können. Leider währte die Freude nur etwa 10 Kilometer, denn der folgende Tunnel war wegen Bauarbeiten gesperrt. Also musste ich einen Umweg über eine ruppige Piste nehmen – zurück auf Stein und Staub.
Die Straße wechselte ab jetzt ständig zwischen guten Asphaltabschnitten und völlig zerfahrenem Gelände. Nach 30 Kilometern begann dann das berüchtigte Baustellenstück des Pamir Highways – rund 70 Kilometer, auf denen die Straße seit Jahren großflächig ausgebaut wird.
Anfangs war der frische Asphalt ein Traum. Doch schon nach einigen Kilometern wechselte die Strecke zu unbefestigten Teilstücken. Auf einer Fahrbahnseite wurde frischer Teer verteilt, während die andere voller Staub, Dreck und Baumaschinen war.
Einige Kilometer weiter: Stau.
Ein riesiger Felsbrocken blockierte die Fahrbahn. Arbeiter versuchten mit Presslufthämmern, ihn zu zerschlagen. Der Verkehr zwängte sich mit knapper Not zwischen Geröllhalden und dem Abgrund zum Fluss vorbei – und ich mittendrin auf meinem Rad. Der Staub wurde jetzt zur echten Herausforderung.
Jeder vorbeifahrende LKW hüllte mich in eine dichte Wolke aus Sand und Dreck. Ich versuchte immer wieder, die Luft anzuhalten oder einen klaren Luftzug zu erwischen – nicht einfach bei dieser Dauerbelastung.
Dann traf ich auf Theo aus England – 19 Jahre alt, genau wie ich. Er hatte seine Radreise in Singapur begonnen und wollte zurück nach Großbritannien – also exakt entgegengesetzt zu meiner Route. Es war faszinierend und irgendwie witzig, sich mitten in dieser staubigen Hölle auf halber Strecke zu begegnen, beide mit der gleichen Leidenschaft, aber ganz unterschiedlicher Richtung.
Am Ende der Großbaustelle suchte ich mir auf der App iOverlander eine Unterkunft über einem kleinen Supermarkt aus. Ich kaufte noch ein paar Lebensmittel ein und fragte nach einem Zimmer. Der junge Mann an der Rezeption – kaum älter als ich – wollte dafür allen Ernstes 25 € haben. Für eine einfache Unterkunft, ohne besonderen Komfort, war das zu viel.
Ich sagte ihm klar: „Entweder 9 Euro – oder ich schlafe gegenüber im Zelt.“
Er merkte schnell, dass ich kein „reicher Tourist“ bin, der jeden Preis schluckt, nur weil er westlich aussieht. Am Ende nahm er mein Angebot an – 100 Somoni sind für ihn schließlich auch viel Geld, vor allem in einer Gegend, wo selten Gäste vorbeikommen.
Fazit: In Tadschikistan sollte man bei Unterkünften immer verhandeln. Oft ist der „Touristenaufschlag“ der erste Preis, den man hört. Ein Drittel weniger – oder mindestens die Hälfte – ist meist realistisch.
Ich machte mir auf meinem Kocher noch eine Portion Nudeln, legte mich in das einfache Bett und schlief erschöpft ein. Ein weiterer intensiver Tag auf dem Pamir Highway ging zu Ende.



