Englischunterricht im Pamir, ein Bach voller Stolperfallen und ein Schlafplatz mit Gewitterblick
Heute wachte ich schon früh um 5:30 Uhr auf – kein Wunder, denn ich war am Vorabend recht zeitig ins Bett gegangen und fühlte mich nun ausgeruht. Ich aß ein schnelles Frühstück aus Brot mit Erdnussbutter, dehnte mich ein wenig und wartete auf die ersten Sonnenstrahlen, die langsam in das kühle Tal hinabstiegen. Auf 1300 Metern Höhe war es nachts recht frisch gewesen, und auch am Morgen brauchte ich noch meine Daunenjacke. Erst nach etwa 20 Minuten Fahrt wurde mir warm genug, um wieder in kurzer Kleidung weiterzufahren.
Der Weg war am Morgen angenehm eben, was mir gutes Vorankommen ermöglichte. Dennoch blieben die großen Steine und der lockere Schotter eine ständige Herausforderung – für mich und mein Rad. Nach einiger Zeit kam ich an einem kleinen Supermarkt vorbei und legte eine kurze Pause ein, bevor es weiter in die Berge ging.
Am Mittag erreichte ich einen Polizeiposten. Dort fragte ich, ob ich durch mein GBAO Permit – die Genehmigung für Reisen im Pamir – automatisch bei der Polizei registriert sei oder ob ich das noch erledigen müsse. Da der Beamte kein Englisch sprach, rief er kurzerhand einen Englischlehrer aus dem Dorf an, der als Übersetzer einsprang. Dieser bestätigte mir, dass ich registriert sei und keine Probleme bei der Ausreise zu befürchten habe – eine Erleichterung, denn am Vortag hatten mir andere Radreisende von Strafzahlungen berichtet, wenn man das versäumt.
Der Lehrer, Muhammad, lud mich anschließend spontan zu einem Mittagessen ein. Wir überquerten eine Brücke und gelangten ins Dorf Tavildara, wo ich auf seine Empfehlung hin das traditionelle Gericht Osh probierte – ein würziger Teller aus Reis, Gemüse und etwas Fleisch, begleitet von Tee und Fladenbrot. Es schmeckte hervorragend. Während des Essens unterhielten wir uns lange über die tajikische Kultur, seine Arbeit und das Leben im Dorf.
Ich fragte ihn, ob er für meine Dokumentation ein Interview geben würde – und er sagte sofort zu. Also führte er mich in einen kleinen Klassenraum, den er selbst angemietet hatte. Er arbeitet nämlich privat als Englischlehrer, da er damit deutlich besser verdient als in einer staatlichen Schule – rund 400 bis 500 US-Dollar im Monat statt der üblichen 100 bis 200.
Doch bevor das Interview starten konnte, trudelten nach und nach immer mehr Schüler ein – und plötzlich hieß es: „Heute machst du den Unterricht.“ Also saß ich da, wurde von den Kindern und Jugendlichen mit Fragen durchlöchert und stellte auch selbst einige. Es war ein lebendiger, herzlicher Unterricht, bei dem Englisch sprechen und Verstehen im Vordergrund stand. Muhammad konnte sich derweil entspannt zurücklehnen und mir zusehen. Obwohl ich gar nicht so lange Pause machen wollte, war diese unerwartete Unterrichtsstunde eine sehr bereichernde Erfahrung.
Nach dem Unterricht führten wir dann das Interview, bevor ich mich wieder auf den Sattel schwang. Der Weg wurde nun wieder steiler. Plötzlich musste ich einen Bach überqueren – doch es war nicht nur ein kleiner Bach, sondern ein breiter Strom, trüb und schlammig. Ich konnte den Grund nicht sehen und musste besonders vorsichtig sein, denn direkt daneben ging es steil bergab. Natürlich blieb ich mitten im Bach hängen, doch dank einiger höherer Steine bekam ich immerhin keine komplett nassen Füße. Mit etwas Mühe kam ich auf die andere Seite.








