Ein Abschied im Regen: Von Samarkand nach Tadschikistan
Am heutigen Morgen hieß es für mich Abschied nehmen – und zwar nicht nur von Samarkand, sondern auch von Usbekistan. Nach einem letzten Frühstück in der Unterkunft packte ich meine Sachen, befestigte sie wie gewohnt am Fahrrad und machte mich auf den Weg. Doch bereits nach einem Kilometer bemerkte ich ein merkwürdiges Gefühl beim Fahren. Zunächst konnte ich es nicht genau einordnen, doch kurze Zeit später wurde mir klar: Ich hatte meine Lenkerfahrradtasche in der Unterkunft vergessen. Also kehrte ich um und holte sie – glücklicherweise lag sie noch unberührt an ihrem Platz.
Nun konnte die Etappe endgültig beginnen. Was ich allerdings nicht erwartet hatte: Es regnete. Nach Wochen voller Hitze und Trockenheit war das eine überraschende Wendung. Ein Einheimischer erklärte mir später, dass es in dieser Region meist genau einen Regentag im Mai gebe – bevor die Sommerhitze im Juni einsetzt. Und genau diesen Tag hatte ich mir natürlich ausgesucht. Typisch Nisse – kein Wetter auslassen.
Der Regen wurde rasch stärker, sodass ich nach etwa 20 Kilometern beschloss, mich vollständig zu regensichern. Ich zog Regenjacke, -hose, Schuhüberzüge und das Helm-Cape an. So blieb ich trotz der widrigen Bedingungen halbwegs trocken, auch wenn das Fahren bei strömendem Regen alles andere als angenehm war.
Nach etwa 40 Kilometern erreichte ich die usbekisch-tadschikische Grenze. Durch das schlechte Wetter schien auch die Motivation der Grenzbeamten gedämpft, sodass sie auf eine Kontrolle meines Gepäcks verzichteten. Mir war das nur recht. Die Abfertigung verlief insgesamt erfreulich zügig, und bereits nach einer halben Stunde hatte ich tadschikischen Boden unter den Füßen – bzw. unter den Reifen.
Doch der Regen machte auch hier nicht halt. Es war eine kleine Herausforderung, Pässe und Dokumente zu handeln, ohne dass sie komplett durchnässt wurden. Nach weiteren 15 Kilometern erreichte ich den Ort Bostondeh. Dort erspähte ich einen Bankautomaten, an dem ich mich mit ausreichend Bargeld versorgte – ein notwendiger Schritt, da in Tadschikistan, ähnlich wie in Usbekistan, bargeldloses Bezahlen eher die Ausnahme ist.
In einem kleinen Minimarkt, dem einzigen im Ort, kaufte ich ein paar süße Snacks – mehr gab das Sortiment nicht her. Wie so oft kam ich vor dem Laden mit neugierigen Einheimischen ins Gespräch. Einer von ihnen, Ozodbek, ein 17-jähriger Schüler, lud mich ein, bei ihm zu Hause Schutz vor dem Regen zu suchen und dort auch zu übernachten. Trotz der negativen Erfahrung in Usbekistan – als mir nach einer ähnlichen Einladung 100 Dollar gestohlen wurden – entschloss ich mich, ihm zu vertrauen. Seine offene und herzliche Art überzeugte mich, dem Ganzen noch einmal eine Chance zu geben.
Nach einer matschigen Fahrt durch den Ort kamen wir schließlich bei ihm zu Hause an. Dort wurde ich sofort mit Getränken und kleinen Speisen empfangen. Besonders auffällig war der Kompott, der in verschiedenen Variationen serviert wurde: Himbeerkompott mit Fladenbrot sowie Marillenkompott zum Trinken. Eine clevere Methode, um Obst haltbar zu machen – vor allem in Regionen, in denen moderne Kühlmöglichkeiten begrenzt sind.
Der Strom war im ganzen Dorf ausgefallen, auch bei Ozodbek. Er erklärte mir, dass die Leitungen oft nicht für große Wassermengen ausgelegt seien und das Regenwasser sich stauen würde, da es nur selten regne.
Nach dem Imbiss legte ich mich für zwei Stunden schlafen – mein Magen war weiterhin etwas gereizt und mein Puls höher als gewöhnlich. Die Ruhe tat gut.
Am Abend spielten wir Karten, bevor es erneut Essen gab. Wieder wurde Kompott serviert – diesmal mit Spiegelei und frischem Gemüse aus dem eigenen Garten. Danach zeigten mir Ozodbek und sein Freund Shohrux ihren Garten, der mich tief beeindruckte: ein großes Feld mit Kartoffeln, Tomaten, Gurken, sowie Marillen- und Apfelbäumen. Dazu Kühe und ein Kälbchen für die Milchversorgung, Hühner für die Eier. Die Familie lebte weitgehend autark und war kaum auf externe Lebensmittel angewiesen.
Als die Nacht hereinbrach, rollte ich meine Schlafmatte im Raum aus, in dem wir zuvor gegessen hatten, und schlief rasch ein – dankbar für die Gastfreundschaft, die Ruhe und einen Tag voller neuer Erfahrungen.


