Grenzen, Gegenwind und kleine Glücksmomente
Der Wetterbericht versprach wieder über 35 °C, also stellte ich mir den Wecker diesmal auf 5:00 Uhr. Ich aß eine Kleinigkeit und saß pünktlich um 6:00 Uhr auf dem Fahrrad – bei noch angenehmer Wärme. Dieser Plan ging gut auf: Nach anderthalb Stunden und rund 30 Kilometern erreichte ich das nächste Dorf, auch wenn mich starker Seitenwind auf den letzten Kilometern über einen holprigen Schotterweg begleitete.
Laut Google Maps sollte es dort zwei Supermärkte geben – doch an den eingetragenen Orten fand ich nur verlassene Betonbauten. Kein Leben, keine Lebensmittel. Ich fragte ein Schulkind, das gerade auf dem Weg zur gegenüberliegenden Schule war, wo ich Wasser und ein bisschen Essen bekommen könnte. Es sagte mir, ich solle einfach in einem Haus nachfragen, jemand würde dann den Kiosk öffnen. Leider zeigte es mir aber nicht, welches Haus es meinte – und verschwand.
Das nächste Kind war etwas älter, sprach ein wenig Englisch und klopfte freundlicherweise bei der richtigen Frau. Diese sagte mir, der Kiosk öffne erst in 40 Minuten – zu lang, um in der zunehmend drückenden Hitze zu warten. Doch sie schickte ihre Tochter, kaum sieben Jahre alt, mit mir los. So bekam ich einen 5-Liter-Kanister Wasser und ein paar Lebensmittel – genug, um die nächsten 90 Kilometer bis Beineu durchzustehen.
Auf dem Weg dorthin hatte ich Glück: Die Straße drehte sich genau in den Rückenwind und Wolken schoben sich vor die Sonne. Trotz 35 °C war es dadurch erträglich. Um 13:30 Uhr erreichte ich Beineu. Erst einmal versorgte ich mich in einem kleinen Laden mit Essen, dann ging ich direkt zur Bahnstation.
Ich hatte zuvor nicht bedacht, dass die Grenze zu Usbekistan wegen Bauarbeiten derzeit nur für Züge und LKW passierbar ist – Radfahrer müssen den Zug nehmen. Ganz naiv fragte ich bei einem Zug, der gerade dort stand, ob er nach Usbekistan fahre – ja, das tat er. Aber er war komplett ausgebucht. Ich hatte nicht erwartet, dass man so weit im Voraus online buchen muss.
In dieser misslichen Lage hatte ich großes Glück: Ich traf ein Berliner Ehepaar, das seit Jahren mit dem Fahrrad unterwegs ist und Russisch spricht. Der Mann war unglaublich hilfsbereit und organisierte mir ein Ticket für den nächsten Tag – obwohl dieser Zug online als ausgebucht galt. Auch ein italienischer Backpacker, den ich dort traf, bekam dank seiner Hilfe ein Ticket.
Da wir noch einen Tag bis zur Abfahrt hatten, checkten wir gemeinsam in ein Hotel ein. Endlich wieder duschen, ein klimatisierter Raum – ich fühlte mich wie neu geboren. Danach erkundeten wir noch ein wenig die Stadt und gönnten uns eine Pizza, die leider alles andere als empfehlenswert war.
Beineu selbst hinterließ keinen bleibenden Eindruck – ein staubiger Umschlagplatz inmitten der Wüste. Die Menschen dort waren oft unfreundlich, versuchten mehrfach, uns übers Ohr zu hauen, und hupten grundlos, wenn man eine Straße überquerte – selbst wenn reichlich Platz war. Ich war nicht traurig, diesen Ort bald wieder verlassen zu können.
Am Abend schnitt ich noch meine täglichen Kurzvideos – eine Arbeit, die immer viel Zeit frisst – und fiel spät ins Bett. Wieder ein Tag voller Überraschungen, Herausforderungen und kleiner Glücksmomente.





