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Zweiter Radtag in Kasachstan – Zwischen Wüste, Wildtieren und sowjetischer Geschichte

Auch an diesem Morgen, dem zweiten Fahrradtag in Kasachstan, wachte ich fasziniert auf – fasziniert von der Weite, der Stille und der Magie dieser wüstenartigen Landschaft. Die Steppe hat für mich etwas Unerklärliches, fast schon Meditatives. Und obwohl sie auf den ersten Blick karg wirkt, wimmelt es hier nur so vor Leben: kleine Echsen, flinke Ziesel, Käfer, Ameisenstraßen und unzählige Vogelarten – vor allem Haubenlerchen, die mich mit ihrem Gesang durch den Tag begleiten.

Da Vincent noch schlief und wir beschlossen hatten, einen weiteren Tag gemeinsam zu fahren, schnappte ich mir meine Kamera und machte mich auf den Weg zu einer kleinen Herde Kamele und Dromedare, die ich in der Ferne entdeckt hatte. Da ich mein schweres Teleobjektiv bewusst zu Hause gelassen hatte, musste ich mich mit dem Weitwinkelobjektiv sehr nah an die Tiere heranwagen. Glücklicherweise waren sie nicht besonders scheu, und so konnte ich eindrucksvolle Bilder aus nächster Nähe machen.

Leider fiel mir auf, dass viele der Dromedare an den Vorderbeinen mit einer kurzen Kette verbunden waren – vermutlich, um sie am Davonlaufen zu hindern. Eine gängige Praxis der Viehhalter hier, aber für die Tiere natürlich alles andere als artgerecht.

Auf dem Rückweg zu unserem Camp entdeckte ich noch einen Fuchsbau, zahlreiche Ameisenstraßen, die in tiefe Bodenrisse führten, und unzählige Zieselbauten. Auch Käfer und kleine Echsen kreuzten meinen Weg. Die kasachische Steppe, gerade jetzt nach einem regenreichen April, wirkt erstaunlich grün und lebendig.

Nach dem Frühstück ging es für uns weiter Richtung Nordosten. Wir fuhren über sanfte Hügel, durchquerten kleine Dörfer und kamen immer wieder mit freundlichen Kasachen in Kontakt. Besonders die Kinder begegneten uns mit Neugier und Freude. Viele Erwachsene zeigten großes Interesse an unserer Art zu reisen.

Allerdings hatten Vincent und ich uns angewöhnt, uns als Schweizer auszugeben. Uns wurde im Hotel in Aktau geraten, besser nicht zu sagen, dass wir Deutsche seien – besonders heute nicht, denn der 9. Mai ist in Kasachstan ein offizieller Feiertag zur Feier des Sieges der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. In Gesprächen hatten wir schon mehrmals bemerkt, dass Deutsche hier teilweise noch immer pauschal mit Faschismus oder Nazitum assoziiert werden. Das wollten wir lieber vermeiden – auch wenn wir natürlich nichts für die Taten unserer Vorfahren können. Als “Schweizer” wurden wir dagegen immer freundlich und gelassen empfangen.

Am Nachmittag erreichten wir schließlich das imposante Bergmassiv Шерқала тауы – ein Ort von großer Symbolkraft, der sogar auf dem 100-Tenge-Geldschein abgebildet ist. Die steil aufragenden Felsen waren einfach beeindruckend. Während wir dort verweilten, kamen bestimmt 15 Autos mit rund 50 Leuten vorbei – alle machten schnell ein Foto vor dem Massiv und fuhren direkt weiter. Für viele waren wir Radreisenden offenbar ebenfalls eine Attraktion, denn nach dem Bild mit dem Berg wollten einige auch noch eins mit uns machen. Kurios, aber irgendwie auch schön.

An einer kleinen Oase mit grünem Baumbestand wollten wir eigentlich unsere Wasservorräte auffüllen. Leider war die Quelle durch Müll stark verschmutzt und das Wasser kaum noch brauchbar. Also machten wir uns auf, in der Umgebung nach Hilfe zu fragen – mit Erfolg: Am Ende standen wir mit 12 Litern frischem Wasser wieder an unseren Fahrrädern.

Mit dem Wasser konnten wir uns sogar eine kleine Dusche gönnen. Ich bohrte Löcher in den Deckel eines Kanisters – fertig war der Outdoor-Duschkopf. Mit etwas Seife und sparsamer Wassernutzung konnte ich mich gründlich waschen. Bei 27 Grad, strahlendem Sonnenschein und trockener Luft war das eine herrliche Erfrischung.

Unser Zeltplatz lag auf einem Hügel mit fantastischer Sicht auf das Bergmassiv. Beim Kochen von Nudeln und Gemüse genossen Vincent und ich den Sonnenuntergang über dem Canyon. Die Luft füllte sich mit dem Ruf von Staren und Felsensteinmetzern, die in großen Trupps ihre Schlafplätze anflogen – ein wunderschönes Schauspiel im goldenen Abendlicht.

Als die Dämmerung hereinbrach, hörten wir einen Steinkauz rufen und weiter oben am Massiv den markanten Schrei eines Steinadlers. Mit dem Aufziehen der Mücken und dem zunehmenden Dunkel zog ich mich ins Zelt zurück. Der Vollmond jedoch blieb – als letzte natürliche Lichtquelle über der weiten, stillen Steppe Kasachstans.