Grenzübertritt, Schlaglochmeer und ein georgischer Foodtruck
Am nächsten Morgen weckte mich die Sonne, die durch die Fenster des Wintergartens schien. Ich wachte sofort auf und begann meine gewohnte Morgenroutine: ein paar Kekse zum Frühstück und das Packen meiner Sachen. Dann hieß es: zurück auf die undankbare Schotterpiste. Weitere 7 Kilometer zog sich der holprige Weg entlang des Çıldır-Sees, bis ich endlich wieder auf eine richtige Straße kam. Ein Aufatmen – ich musste nicht mehr jeden Stein einzeln umkurven.
Je näher ich der Grenze zwischen der Türkei und Georgien kam, desto mehr stieg die Spannung. Ein letzter Tunnel trennte mich noch vom Karzachi-See, der genau auf der Grenze liegt: halb Türkei, halb Georgien. An der türkischen Grenze wurde ich zuerst nach meinem Reisepass gefragt. Da ich als deutscher Staatsbürger jedoch mit dem Personalausweis einreisen konnte – und es auch bei der Einreise kein Problem war –, zeigte ich diesen vor. Nach kurzem Hin und Her akzeptierte der Beamte meinen Ausweis. Ehrlich gesagt hatte ich auch keine Lust, meinen tief verstauten Reisepass aus den Taschen zu kramen.
Zwischen den Grenzposten ging es durch mehrere Schleusen. Ein türkischer Grenzbeamter wollte eine Taschenkontrolle durchführen und bat mich, meine große Tasche am Gepäckträger zu öffnen. Als er darin nur meine Jacke sah und einen kurzen Blick hineinwarf, war die Kontrolle auch schon beendet – eher pro forma, würde ich sagen.
Auch auf der georgischen Seite dauerte es ein wenig, da wieder mein Personalausweis für Verwirrung sorgte. Bei der Gepäckkontrolle kam ich mit einem georgischen Grenzbeamten ins Gespräch. Als ich ihm erzählte, dass ich aus der Nähe von Frankfurt komme, antwortete er plötzlich auf Deutsch. Er hatte in Köln studiert und sechs Jahre lang in Deutschland gearbeitet. Heimweh hatte ihn schließlich zurück nach Georgien gebracht, wo er nun als Grenzbeamter arbeitet. Ein sehr freundlicher Mensch, der mich ohne große Umstände passieren ließ. Wenn man mit den Menschen ins Gespräch kommt, wird vieles einfacher.
Kaum war ich in Georgien, änderte sich der Straßenzustand drastisch – leider zum Schlechteren. So schlechte Straßen hatte ich auf der gesamten bisherigen Reise nicht gesehen, weder auf dem Weg ans Nordkap noch im Baltikum oder in der Türkei. Ein Meer aus Schlaglöchern – von Straße konnte man kaum noch sprechen. Ich musste ständig aufpassen, nicht in ein tiefes Loch zu geraten.
Im ersten Dorf kam mir ein Auto entgegen – gesteuert von einem etwa fünfjährigen Kind! Zuerst konnte ich es gar nicht fassen. Aber tatsächlich: Der Vater saß lachend auf dem Beifahrersitz und ließ seinen kleinen Sohn das Auto lenken. Das russische Kennzeichen ließ vermuten, dass es sich um eine russische Familie handelte. Eine ziemlich verrückte Begegnung.
Über schlechte Straßen ging es weiter bis in die erste Kleinstadt. Dort bemerkte ich, dass mein Vorderreifen langsam Luft verlor. Ich hoffte, dass es nur durch ein Schlagloch passiert war und das Ventil etwas Luft verloren hatte. In einer Art Kantine gönnte ich mir drei Stücke Pizza und eine aufgewärmte Teigtasche. Ein russischer Mann setzte sich zu mir und begann ein Gespräch. Er war nach Ausbruch des Krieges aus Moskau geflohen und lebt seitdem in Georgien auf dem Land. Er erzählte, dass er sich hier mit verschiedenen Jobs über Wasser hält, aber nicht wirklich glücklich ist. Er fragte mich, wie man nach Europa kommen kann und ob ich ihm bei einer Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland helfen könnte – leider musste ich das verneinen.
Nach dem Essen setzte ich mich wieder aufs Rad. Der Vorderreifen war nun deutlich platter. Ich pumpte ihn mit der Handpumpe auf und hoffte, dass sich das Loch vielleicht durch Talkum selbst versiegeln würde. Doch während ich den nächsten Berg hochfuhr, hörte ich ein seltsames Klackern. Schließlich entdeckte ich einen dicken Glassplitter im Mantel. Er hatte sich durch den verstärkten Reifen gebohrt – kein Wunder also, dass mehr Luft entwich. Genau in dem Moment begann es zu regnen, und ich war bereits auf über 1800 Metern. Es war kalt und windig – keine idealen Bedingungen für einen Schlauchwechsel. Trotzdem musste ich ran und wechselte den Schlauch so schnell es ging.
Danach ging es weiter bergauf, bis ich bei etwa 2100 Metern den Parawani-See erreichte. Die Aussicht auf die schneebedeckten, über 4000 Meter hohen Berge war atemberaubend. Tiefe Wolken zogen über die Berggipfel und sorgten für eine dramatische Kulisse. In dieser Höhe wurde es ohne Sonne richtig kalt, und ich konnte mir keine langen Pausen leisten.
Die Abfahrt vom See führte mich hinunter zum Tsalka-See. Inzwischen hatte ich 145 Kilometer und über 1200 Höhenmeter hinter mir – die Kälte, der Wind, die lange Strecke und der anstrengende Tag machten sich deutlich bemerkbar. Völlig erschöpft entdeckte ich am See eine Jugendherberge. Für nur 15 Euro bekam ich dort ein Zimmer – ein echtes Schnäppchen.
Leider hatte ich vorher nicht geschaut, wo es Essensmöglichkeiten gibt. Das nächste Dorf mit Restaurants war ein paar Kilometer entfernt – und da ich bereits eingecheckt hatte, überredete ich mich selbst, doch noch einmal auf mein Rad zu steigen. Was ich nicht bedachte: Es ging bergab ins Dorf – was bedeutete, dass ich später wieder alles hochfahren musste.
Im Dorf waren die meisten Restaurants um 21 Uhr bereits geschlossen. Doch ein Café, das gleichzeitig ein Foodtruck war, hatte noch geöffnet. Dort bestellte ich drei große georgische Teigtaschen, gefüllt mit Ei, Käse und Spinat – unglaublich lecker. Ich unterhielt mich lange mit der Besitzerin über Politik, Georgien und ihre Sorgen bezüglich Russland. Sie sagte, dass eine gewisse Angst da sei, aber sie hoffe, dass diplomatische Beziehungen Schlimmeres verhindern würden.
Nach diesem interessanten Gespräch fuhr ich den Berg wieder hinauf zur Herberge. Dort beendete ich meine Abendroutine und fiel erschöpft, aber zufrieden, ins Bett.







