Tag
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Von Schäfern, Sonnencreme und Sturm – ein Tag voller Kontraste

Heute weckte mich das einfallende Sonnenlicht. Die Nacht war erholsam gewesen, mein Körper hatte sich gut regeneriert, und ich spürte: Ich bin bereit für den neuen Tag. Ich stand auf, packte meine Sachen zusammen und wartete auf das Frühstück, das mir Harun am Vorabend versprochen hatte.

Währenddessen nahm ich mir Zeit für mein Fahrrad – mein treuer Gefährte. Ich reinigte den Riemen, der mir schon durch so viele Tage und Wetterlagen zuverlässig Kraft auf die Pedale überträgt. Kein Öl, keine schmierigen Hände – dafür ein bisschen Staub und Dreck, der sich in den Rillen sammelt. Ich bürstete alles sauber, ließ es trocknen und sprühte Silikonspray auf. Danach lief der Antrieb wieder wunderbar ruhig.

Dann wurde zum Frühstück gerufen. Und wie! Fladenbrot, Weißbrot, Honig, Schafskäse, Butter, Nutella, Eiersalat, Oliven, Tomaten, Gurken und natürlich: türkischer Tee. Diese Herzlichkeit, diese Fülle – es war ein echtes Abschiedsmahl. Ich genoss jeden Bissen, das Gespräch mit der Familie, die Wärme, die mir geschenkt wurde.

Aber auch heute kam der Moment, an dem ich mich verabschieden musste. Ich bedankte mich von Herzen bei Harun – für alles – und machte mich wieder auf den Weg Richtung Osten, mein heutiges Ziel: Sivas.

Davor lagen noch zwei große Berge. Als ich den ersten Gipfel erreichte, begegnete mir ein Wanderschäfer – auf einem Esel, begleitet von seiner Herde und imposanten Kangal-Hunden. Groß, wachsam, aber zu mir völlig ruhig. Wir unterhielten uns – ganz ohne gemeinsame Sprache. Seine Worte auf Türkisch, meine Gedanken, die zwischen Raten, Gestikulieren und Lächeln pendelten. Es war ein schöner, stiller Austausch – irgendwo da oben zwischen Himmel und Erde.

Die Aussicht auf den Bergen war ein Geschenk. Weite, Licht, Wind – und ich wusste nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte.

In Sivas angekommen, stand „Sonnencreme“ auf meiner Liste – doch überraschend war das eine echte Herausforderung. Große Supermärkte winkten ab, als hätte ich nach etwas Exotischem gefragt. Ich dachte mir nur: Cremen die sich hier bei dieser Sonne echt nicht ein? Schließlich fand ich eine offene Apotheke – am Sonntag. Für 12,01 € kaufte ich mir eine kleine Tube. Wahnsinnig teuer, aber nötig.

Mit Rückenwind und Sonne ging es weiter nach Zara. Eigentlich wollte ich dort meinen Tag beenden, aber es lief einfach zu gut. Also fuhr ich weiter. Ich wollte höher schlafen, nicht unten im Tal – also hieß es: nochmal Höhenmeter machen.

Und dann kam der Regen. Leise erst, dann kräftiger. Aber gleichzeitig schob sich die Sonne tief über den Horizont, während eine dunkle Wolkenfront über das Tal zog. Der Kontrast – goldenes Licht, prasselnder Regen, tiefgrauer Himmel – war spektakulär. Eine Szene wie aus einem Film. Ich hielt kurz inne, einfach um diesen Anblick zu speichern.

Es wurde dunkel. Ich brauchte schnell einen Schlafplatz. Am Gipfel eines Hügels fand ich ein kleines Kreuz – und daneben eine Fläche mit Panoramaausblick. Der Wind wehte kräftig, der Regen setzte erneut ein, also musste alles schnell gehen: Innenzelt aufbauen, beschweren, Außenzelt drüberziehen, Paracord zum Sichern spannen. Es war ein kleiner Kampf gegen die Elemente.

Aber dann stand alles. Ich kochte mir Nudeln, saß im Zelt, schaute auf das nun dunkle Tal – und war einfach nur dankbar. Für den Tag, für die Menschen, die Berge, die Begegnungen, das Draußensein. Nach fast 150 Kilometern und 1550 Höhenmetern fiel ich müde, aber erfüllt ins Bett.