Tag
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Regen, Regen und noch mehr Freude

Schon am Abend zuvor hatte es nach dem Essen zu regnen begonnen. Dazu kam der kräftige Wind, der mich bereits den ganzen vorherigen Tag begleitet und ordentlich geschlaucht hatte. Wind, Regen und dann auch noch donnernde Gewitter mit grellen Blitzen – die Nacht wurde zu einem kleinen Abenteuer. Zum Glück hatte ich mein Zelt mit etwas Weitsicht auf einer kleinen Anhöhe inmitten einer Olivenplantage aufgeschlagen. Ich dachte, dort würde es bei Regen weniger matschig werden als im Tal – ein halbwegs logischer Plan. Doch auch hier verwandelte sich der harte Boden durch den nächtlichen Starkregen in klebrigen Schlamm. Die Ausgangslage war fast identisch mit der vom Vortag – nur dass es dieses Mal durchgängig regnete, und zwar heftig.

Am Tag zuvor hatte mir der Wind wenigstens noch geholfen, das Zelt morgens halbwegs trocken abzubauen. Heute war das anders. Ein Blick auf die Wetter-App bestätigte: keine regenfreie Phase in Sicht. Eine Situation, die ich normalerweise mit viel Planung vermeide – denn Zeltabbau im strömenden Regen auf schlammigem Grund ist eine ziemliche Sauerei. Doch heute hatte ich keine andere Wahl.

Also frühstückte ich im Zelt, packte im Inneren alles so weit wie möglich zusammen und baute dann im Regen das Zelt ab – in voller Regenmontur, aber trotzdem wurde ich beim Abbau schon komplett durchnässt, ohne einen einzigen Kilometer gefahren zu sein. Um mir den Rückweg zur Straße abzukürzen, wollte ich quer durch die Plantage einen Ausgang finden. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass die gesamte Anlage von einer etwa ein Meter hohen, durchgehenden Steinmauer umgeben war – kein Durchkommen. Also musste ich mein vollgepacktes Fahrrad im Regen und Matsch den Hügel wieder hinaufschieben – zurück zum Ausgangspunkt.

Ein zweiter Versuch brachte mich diesmal auf einen Weg ohne Mauer, lediglich ein niedriger Graswall, den ich überwinden konnte. Von dort rollte ich durch den prasselnden Regen ins Dorf hinunter. Dort angekommen, fiel mir auf, dass ich einen kleinen Navigationsfehler gemacht hatte: Ich war der falschen größeren Straße gefolgt und musste nun den nächsten Hügel wieder hochstrampeln, um zurück zur eigentlichen Route zu gelangen. Wäre ich einfach den Weg vom Vortag zurückgefahren, hätte ich mir das alles ersparen können. Wieder was gelernt.

Zurück auf der richtigen Straße, wurde der Regen nur noch heftiger. Ich fuhr weiter, aber nach kurzer Zeit war ich bis auf die Haut durchnässt – trotz Regenhose und Überschuhen. Irgendwann war’s zu viel, also steuerte ich die nächste Tankstelle an. Dort wrang ich meine Socken aus, in denen sich regelrechte Wasserbecken gebildet hatten. Die Tankstellenwärterin kam mit einem Lächeln zu mir und reichte mir einen heißen, türkischen Tee. Ich setzte mich in die warme Ecke der Tankstelle und versuchte, mich ein wenig aufzuwärmen.

Während ich so aus dem Fenster sah, stellte ich mir die Frage, warum ich mir das überhaupt antue – den ganzen Tag im Regen, durchweicht und durchgefroren. Doch die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Das ist eben auch Teil meines Abenteuers. Ich will kein Schönwetter-Radler sein. Gerade solche Tage wie dieser machen die Tour besonders. Sie fordern mich heraus und lassen mich die sonnigen, windstillen Momente umso mehr schätzen.

Nach rund 80 Kilometern erreichte ich schließlich das Städtchen Köyceğiz. Ein erneuter Blick auf die Wetter-App zeigte: Der Regen soll die ganze Nacht und auch am nächsten Tag unaufhörlich weitergehen. An Zelten war nicht zu denken – das Zelt war nass, das Innenzelt ebenfalls, und ich hätte es nirgendwo trocknen können. Also entschied ich mich für eine Unterkunft.

Ich fand ein Zimmer in der “Villa Solmaz” – kurzfristig gebucht, spontan bezogen. Als ich ankam, war die ganze Familie gerade damit beschäftigt, das Haus herzurichten. Da gerade Vorsaison war, wohnten sie bis vor kurzem noch selbst dort und zogen nach meiner Buchung kurzerhand in ein kleines Nebenhaus um, das ihnen ebenfalls gehört. Ich war der einzige Gast – und hatte somit das komplette Haus für mich allein: vier Schlafzimmer, drei Bäder, ein riesiges Wohnzimmer, eine große Küche, ein breiter Balkon und ein Außenpool. Ich fühlte mich wie ein Prinz.

Der Pool war leider noch nicht gereinigt und bei den kühlen Temperaturen sowieso nicht einladend, aber die Zimmer wusste ich zu nutzen: In einem deponierte ich meine Taschen, im nächsten ließ ich das Zelt und meine Klamotten mithilfe der Klimaanlage trocknen, und mit dem Föhn kümmerte ich mich um meine nassen Schuhe. Im dritten Zimmer schlief ich schließlich – warm, trocken und zufrieden.

Einziger Wermutstropfen: Der Boiler lieferte nur lauwarmes Wasser, und das WLAN war so langsam, dass selbst eine Schnecke neidisch geworden wäre. Aber das waren Luxusprobleme. Nach einem Tag voller Nässe, Kälte und Umwege fiel ich in mein großes, warmes Bett – und war einfach nur dankbar.