Tag
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Mein zweiter Tag in der Türkei- ein erster Hauch einer warmherzigen Kultur

Am Morgen, als ich erwachte, wurde ich überraschend vom Bauern begrüßt, der bereits in aller Früh auf seinem Feld arbeitete – direkt neben dem Lager, das ich am Vorabend errichtet hatte. Zunächst befürchtete ich, einen Rüffel zu bekommen, doch entgegen meiner Annahme war er überaus freundlich. Der Bauer schlug sogar vor, dass ich hätte klingeln sollen, damit ich im Stall mein Zelt aufstellen könnte, da es dort wärmer sei.

Am Vortag hatte ich über die App Warmshowers, eine Plattform für Radreisende, eine Zusage von Mustafa erhalten, bei ihm in Sarköy zu übernachten. Doch die letzten 20 Kilometer bis dorthin gestalteten sich zu einer wahren Tortur. Die Routenplanung von Komoot führte mich über schier unbezwingbare Schotterpisten mit extrem steilen Anstiegen und Abfahrten. Einige Steigungen hatten bis zu 20-25 % Gefälle, und der Boden war teilweise sandig. Ich war schon von den vorherigen Etappen erschöpft, sodass ich mein Fahrrad gleich dreimal die steilen Hänge hinaufschieben musste. Zudem verlor mein Reifen durch das anspruchsvolle Terrain mehr Luft als gewöhnlich, sodass ich zwischendurch immer wieder mit der Handpumpe nachhelfen musste, um mein Ziel zu erreichen. An meinem Ziel angekommen, wollte ich den Schlauch wechseln und an der nahegelegenen Tankstelle den Reifen so stark aufpumpen, dass kein Risiko eines Durchschlags aufgrund zu geringen Drucks mehr bestand.

Es stellte sich heraus, dass Mustafa ein Hotel besaß, und so erhielt ich ein Zimmer kostenlos – eine unerwartete und besonders erfreuliche Überraschung. Nachdem ich den Schlauch im Hotelzimmer gewechselt hatte, bemerkte ich, dass eine Schraube meines Gepäckträgers durchgedreht war. Ich machte mich auf den Weg, um sie zu ersetzen, und stieß dabei zufällig auf einen Fahrradladen, der in keiner Karte verzeichnet war. Dort traf ich auf Ahmet, der mir nicht nur eine neue Schraube einbaute, sondern auch die alte, die sich nicht lösen ließ, problemlos entfernte. Zusätzlich half er mir, den Reifendruck korrekt einzustellen. An einer Tankstelle in der Nähe nutzte ich die Gelegenheit, um mein Fahrrad mit einem Hochdruckreiniger gründlich zu säubern, nachdem es die letzten Etappen überstanden hatte.

Ahmet lud mich daraufhin zu einer Tasse Tee ein, und wir kamen ins Gespräch. Als er seinen Laden schließen wollte, bot er mir an, mit ihm essen zu gehen – ein Angebot, das ich dankend annahm. Zum Essen gab es zunächst eine Bohnensuppe, danach eine Pita und als Nachspeise die traditionelle türkische Süßspeise Kadayıf. Als ich mich zum Bezahlen vorbereitete, lehnte Ahmet ab und sagte, dass er mich eingeladen hatte. Er wollte nichts von mir, sondern betonte, dass er die Zeit mit mir genossen habe und sich freute, mir helfen zu können und mich kennenzulernen. Diese großzügige Gastfreundschaft rührte mich tief.

Ahmet, ein Mann Mitte 40, wurde in Şarköy geboren und lebte zwischen 2016 und 2019 in Heilbronn, Deutschland. Dort war er bei Audi in der Produktion von Filtersystemen als Mechaniker tätig und hatte seine damalige Frau kennengelernt. Leider trennten sich ihre Wege nach drei Jahren, und Ahmet kehrte in seine Heimat zurück, wo er nun als Fahrradmechaniker arbeitet und im Sommer Fahrräder verleiht. Im Gespräch mit ihm konnte ich viele meiner Fragen klären. Er half mir, einige Missverständnisse über die Türkei, ihre Sitten und den Einfluss des Islams auf die Kultur zu entkräften. Viele Vorurteile, die ich über die türkische Gesellschaft und den Islam gehört hatte, entpuppten sich als unbegründet. Ahmet erklärte, dass die türkische Kultur in vieler Hinsicht der westlichen Kultur nahe sei. Leider würden viele Menschen Terrorgruppen und streng religiöse Auslegungen des Islams fälschlicherweise mit der gesamten türkischen Kultur in Verbindung bringen. Dies sei vergleichbar mit der Vorstellung, dass alle Deutschen als “Kartoffel- und Schweinefresser” oder Biertrinker und Nazis abgestempelt werden. Diese Konversation öffnete mir die Augen für die Tücken von Vorurteilen und den Wert, Dinge auf ihre Richtigkeit zu prüfen.

Nach diesem bereichernden Abend begann ich, meine Reise für den nächsten Tag zu planen, an dem ich mit dem Bus nach Istanbul weiterfahren wollte.