Ein Höllenpfad durch den neuseeländischen Dschungel
Vom Flussbett aus setzte ich meine Fahrt weiter in Richtung Inland fort. Zunächst verlief die Strecke noch ein Stück entlang einer Straße, doch schon bald wechselte der Weg auf eine Schotterpiste. Auf dieser ging es zunächst rund 500 Höhenmeter hinauf in die Berge.
Unterwegs kam mir ein anderer Radfahrer entgegen, der mich warnte: Auf dem folgenden Abschnitt seien mehrere Bäume über den Weg gestürzt, weshalb ich vermutlich alle meine Packtaschen abnehmen müsse, um überhaupt weiterzukommen. Zu diesem Zeitpunkt nahm ich seine Warnung noch nicht allzu ernst.
Kurz darauf endete jedoch die Schotterpiste abrupt und es begann ein sehr schmaler Singletrail. Schon da wurde mir klar, dass dieser Weg deutlich anspruchsvoller werden würde. Durch den einsetzenden Regen wurde der Untergrund immer matschiger, Wurzeln und Steine zunehmend rutschig.
Plötzlich stand ich vor einem großen Holzgitter, das quer über dem Weg gebaut war – normalerweise ein klares Zeichen dafür, dass nur Wanderer hier passieren sollen. Da dieser Abschnitt jedoch Teil der Te-Araroa-Cycling-Route auf der Südinsel Neuseelands war, ging ich davon aus, dass es irgendwie auch mit dem Fahrrad weitergehen musste. Also nahm ich alle Packtaschen ab, trug sie auf die andere Seite und suchte mir einen kleinen Weg an der Böschung vorbei, um mein Fahrrad ebenfalls hinüberzubringen.
Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, was mich noch erwarten würde, hätte ich wahrscheinlich umgedreht.
Zunächst ging es weiterhin stetig bergauf. Der Weg war technisch anspruchsvoll, aber noch fahrbar. Doch der Regen wurde stärker, wodurch die nassen Wurzeln und Steine immer rutschiger wurden. Etwa einen Kilometer später erreichte ich den ersten umgestürzten Baum. Wieder musste ich alle Taschen abnehmen, das Fahrrad und das Gepäck einzeln darüberheben und anschließend alles wieder befestigen.
Mittlerweile befand ich mich auf etwa 700 Metern Höhe und fuhr direkt durch die Wolken. Der Wald lag im dichten Nebel, was eine mystische, aber auch bedrückende Atmosphäre erzeugte. Der Singletrail wurde immer schmaler und schwieriger. Es folgten zahlreiche steile Passagen, bei denen ich mein schwer beladenes Fahrrad nur noch schieben konnte. Die vielen Stellen, an denen ich mit aller Kraft das Rad über Wurzeln, Steine und Stufen manövrieren musste, kosteten mich enorm viel Energie. Meter für Meter arbeitete ich mich vorwärts.
Langsam begann ich meine Entscheidung zu bereuen, diesen Weg gewählt zu haben. Besonders ärgerlich war der Gedanke, dass dieser Abschnitt Teil einer nationalen Fahrradroute sein sollte.
Etwa zwei Kilometer später erreichte ich die nächste große Herausforderung: Drei umgestürzte Bäume lagen gleichzeitig über dem Weg. Der Regen hatte inzwischen alles in eine rutschige und gefährliche Angelegenheit verwandelt. Wieder trug ich zunächst meine Packtaschen einzeln hinüber. Danach musste ich mein Fahrrad irgendwie über die großen, ineinander verschachtelten Baumstämme heben, die teilweise tief in die Böschung ragten.
In diesem Moment kamen mir drei ältere Männer mit vollgefederten Mountainbikes entgegen – ohne Gepäck. Sie bestätigten mir, dass dieser Abschnitt selbst mit leichtem Rad äußerst anspruchsvoll sei. Da wurde mir endgültig bewusst, wie schwierig der weitere Weg noch werden könnte.
Nachdem ich auch diese Passage überwunden hatte, hoffte ich, dass der Weg nun leichter werden würde. Doch das Gegenteil war der Fall. Durch den starken Regen hatten sich auf dem Singletrail kleine Wasserläufe gebildet. Oft musste ich genau hinschauen, ob ich gerade einem Bach folgte oder tatsächlich noch auf dem Weg war – in vielen Fällen war es schlicht dasselbe.
Millimeter für Millimeter schob ich mein Fahrrad zwischen Böschung, Wurzeln und Wasserläufen vorwärts. Ich war inzwischen völlig durchnässt. Vom vielen Schieben schmerzten meine Hände, und auch mein Knie machte sich durch die ungewohnten Belastungen bemerkbar.
Stundenlang kämpfte ich mich so weiter durch den dichten, fast dschungelartigen Wald. Als ich glaubte, dass es nun endlich nur noch bergab gehen würde, folgte zunächst ein kurzer Abstieg – bevor der Weg wieder etwa 100 Höhenmeter steil hinaufführte. Wieder musste ich mein Fahrrad über rutschige Steine, durch Bäche und über unzählige Wurzeln nach oben schieben und dabei meine gesamte Kraft aufbringen.
Als ich schließlich auch diese Passage bewältigt hatte, begann tatsächlich ein längerer Abstieg. Doch auch dieser war keineswegs einfacher. Oft lief ich neben meinem Fahrrad her und musste äußerst vorsichtig bremsen, um auf dem rutschigen Untergrund nicht zu stürzen.
Plötzlich öffnete sich der Wald und ich erreichte eine freie Fläche. Bei Sonnenschein wäre dieser Ort vermutlich wunderschön gewesen. Holzstege führten durch eine weite Heidelandschaft. Doch kurz darauf begann erneut ein schwieriger Abschnitt. Zum vierten Mal musste ich meine Fahrradtaschen abnehmen, um sie über einen großen, rutschigen Baumstamm zu tragen. Anschließend zog ich mein Fahrrad hinterher und befestigte alles erneut.
So ging es weiter – immer wieder kurze Anstiege, steile Abfahrten, Wurzeln, Schlamm und Steine – bis ich schließlich das Ende des Singletrails erreichte. Dort stand erneut ein Gitter, das eigentlich nur für Fußgänger gedacht war. Auch hier musste ich wieder alles abladen, das Fahrrad darüberheben und danach mein gesamtes Gepäck erneut befestigen.
Ich war inzwischen vollkommen erschöpft. Die letzten Stunden hatten mir alles abverlangt. Gleichzeitig zeigte mir dieser Tag aber auch, wozu mein Körper in Extremsituationen fähig ist.
Nachdem ich den Singletrail endlich hinter mir gelassen hatte, erreichte ich einen breiteren Weg, der gelegentlich auch von Pick-ups genutzt wird. Zwar war er nun breit genug, doch wirklich einfacher wurde es nicht. Der Untergrund bestand aus vielen faustgroßen, losen Steinen, sodass ich nur sehr langsam und äußerst konzentriert fahren konnte.
Zu diesem Zeitpunkt wollte ich eigentlich nur noch eine normale Straße erreichen und mir irgendwo eine Unterkunft suchen. Es hatte den ganzen Tag ununterbrochen geregnet, und meine Kräfte waren nahezu aufgebraucht.
Als es schließlich immer dunkler wurde, musste ich mir eingestehen, dass ich die letzten sieben Kilometer bis zur nächsten Straße an diesem Tag nicht mehr schaffen würde. Ein weiteres Problem war, dass ich mein Wasser nicht einfach aus den umliegenden Bächen filtern konnte, da sich hier früher ein Goldminen-Gebiet befand und das Wasser entsprechend belastet sein konnte. Das Filtern hätte sowohl meiner Gesundheit als auch meinem Wasserfilter schaden können.
Schließlich entschied ich mich, ein kleines Notlager aufzubauen. In einer kleinen Bucht direkt neben dem Weg stellte ich mein Zelt auf. Ohne jede Abendroutine fiel ich erschöpft ins Bett.
Da mein Wasser knapp war, konnte ich mir auch keine Nudeln kochen. Stattdessen aß ich nur etwas Toastbrot mit Erdnussbutter sowie einen Apfel und eine Banane. Mein restliches Wasser musste ich streng rationieren, da ich nicht wusste, wie lange es am nächsten Tag bis zur nächsten sicheren Wasserquelle dauern würde.
Insgesamt war ich an diesem Tag rund zwölf Stunden unterwegs gewesen und hatte mich durch einen extrem anspruchsvollen, gefährlichen und eigentlich völlig ungeeigneten Weg für mein schwer beladenes Fahrrad gekämpft.
Am Ende konnte ich einfach nicht mehr.






