Tag
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Durch den Schlamm von Laos – ein Tag zwischen Erschöpfung, Überlebenswillen und Befremdung


Heute Morgen setzte ich meine Fahrt in Laos fort. Die Straße führte mich durch flache Landschaften, vorbei an Tempelanlagen, Reisfeldern und unzähligen Wasserbüffeln, die im Morgendunst friedlich grasten. Nach rund 30 Kilometern erreichte ich die erste kleine Stadt, machte kurz Pause und holte mir etwas zu essen. Danach ging es weiter – mein Ziel war es, ein großes Bergmassiv zu umfahren.

Auf der Karte war die gewählte Route als größere Straße eingezeichnet. Sie versprach weniger Höhenmeter als die Alternativstrecke – also schien sie ideal. Anfangs war die Straße sogar asphaltiert, und ich rollte entspannt durch ein breites Tal, das sich zwischen den Bergketten öffnete. Doch nach einigen Kilometern verwandelte sich der Asphalt in einen Lehmweg. Zuerst empfand ich das als angenehme Abwechslung – die verdichteten, rötlichen Wege erinnerten mich fast an eine afrikanische Savanne.

Doch bald kippte die Idylle. An einer Stelle wurden Bauarbeiten am Weg durchgeführt, und plötzlich war der Boden komplett aufgeweicht. Der Lehm klebte in dicken Schichten an den Reifen, bis sich der Schlamm zwischen Reifen und Schutzblech so sehr verdichtete, dass nichts mehr ging. Ich musste absteigen, meine Fahrradtaschen abnehmen, sie 50 Meter weit tragen und anschließend auch das Fahrrad selbst schleppen. Mit einem Stock kratzte ich mühsam den festgebackenen Schlamm zwischen den Schutzblechen hervor.

Als ich den Abschnitt endlich hinter mir hatte, blieb das Problem: Der Weg blieb matschig und unberechenbar. Wenn ich einfach weiterfuhr, setzte sich der Schlamm sofort wieder fest und blockierte mein Rad. Also tat ich etwas, das auf den ersten Blick völlig absurd klingt – aber funktionierte: Ich suchte gezielt nach Pfützen, in die ich bewusst hineinfuhr, um den festgebackenen Lehm durch das Wasser wieder zu lösen. Das musste ich alle 15 bis 20 Meter tun.

Ich wusste nicht, wie lange dieser Abschnitt noch andauern würde. Mit zunehmendem Tunnelblick kämpfte ich mich Meter um Meter voran, kaum noch wahrnehmend, wie kräftezehrend die Situation wirklich war. Mehrmals musste ich durch knietiefe Pfützen fahren, ohne zu wissen, wie tief sie tatsächlich waren. Einige Male sackte ich fast komplett ein. Mittlerweile war ich völlig durchnässt und mit Schlamm bedeckt – aber das war mir egal. Mein einziges Ziel war, vor Einbruch der Dunkelheit wieder festen Boden unter den Reifen zu haben.

Hinter jeder Kurve warteten neue Schlammfelder, Wasserlöcher und Geröllpassagen. Mit meinen Straßenreifen – die ich nach dem Unfall in Vietnam aufgezogen hatte – war das eine zusätzliche Herausforderung. In manchen Dörfern schauten mich die Menschen ungläubig an. Viele Autos und Motorräder waren im Schlamm steckengeblieben – und ich kam dort tatsächlich mit dem Fahrrad durch.

Es war ein Wunder, dass ich trotz allem Sturzfreiheit behielt und dass meine Ortlieb-Taschen innen trocken blieben, obwohl außen alles voller Lehm war.

Als die Dunkelheit hereinbrach, hatte ich noch rund 7 Kilometer bis zum nächsten Dorf vor mir. Mit meiner Supernova-Lampe, die vom SON-Nabendynamo gespeist wird, konnte ich immerhin die Pfützen, Rillen und Schlaglöcher frühzeitig erkennen. Nach insgesamt 60 Kilometern im Schlamm, tiefen Löchern und unzähligen riskanten Passagen erreichte ich endlich ein Dorf.

Doch die Suche nach einer Unterkunft war noch nicht vorbei. Erst hieß es: „In zwei Kilometern gibt es ein Guesthouse.“ Dann: „Noch drei Kilometer weiter.“ Nach fünf weiteren Kilometern fand ich schließlich wirklich eine Unterkunft – völlig erschöpft, aber glücklich, es noch rechtzeitig geschafft zu haben.

Hätte sich der Tag nur eine Stunde länger gezogen, hätte ich vermutlich im Dunkeln zelten oder in einem Dorf um Hilfe bitten müssen. So aber konnte ich mein Fahrrad endlich abspritzen und vom Schlamm befreien, der sich zentimeterdick, besonders am hinteren Schutzblech, festgesetzt hatte. Danach folgte eine dringend nötige eigene Grundreinigung – denn ich war von Kopf bis Fuß eine Mischung aus Schweiß, Sonnencreme, Staub und Schlammwasser.

Ich merkte erst jetzt, wie ausgetrocknet ich war – ich hatte in all der Konzentration kaum getrunken oder gegessen. Glücklicherweise gab es direkt neben der Unterkunft ein kleines Restaurant, in dem ich etwas essen konnte. Dort lief – wie am Vortag – laute Karaoke-Musik, und ein paar betrunkene Männer winkten mich zu ihrem Tisch.

Ich nahm dankend Platz, bekam Bier eingeschenkt – und erlebte eine Situation, die mich zutiefst verstörte. Die Männer wollten mir eine junge Frau „anbieten“. Sie machten anzügliche Gesten und lachten, als wäre es selbstverständlich. Ich lehnte sofort ab, doch sie versuchten, mir sogar einen „Preis“ zu nennen – umgerechnet nicht einmal einen Euro. Das Mädchen kam immer wieder zu mir, um anzustoßen, aber ich machte durch meine Körpersprache klar, dass ich kein Interesse hatte.

Diese Szene machte mich sehr nachdenklich. Es bedrückte mich, wie selbstverständlich und entmenschlichend hier mit Frauen umgegangen wurde – wie mit einer Ware, die man einfach kaufen kann. Ich konnte den Abend danach kaum genießen.

Erschöpft, verschwitzt und innerlich aufgewühlt fiel ich schließlich ins Bett – dankbar, diesen Tag unverletzt überstanden zu haben, und zugleich traurig über das, was ich gesehen hatte.