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Über Pässe, Tunnel und Täuschungsmanöver – von Huế nach Hội An


Am heutigen Morgen verließ ich die Halbinsel und machte mich auf den Weg Richtung Süden. Mit dem morgendlichen Verkehr und den unzähligen Rollern schlängelte ich mich zunächst durch die engen Straßen, bis ich schließlich um ein großes Bergmassiv herumfuhr. Schon zuvor hatte ich auf der Karte gesehen, dass ein Tunnel durch den ersten Berg führt – allerdings waren Fahrräder und Fußgänger dort nicht erlaubt. Eine Sondergenehmigung wollten mir die Beamten ebenfalls nicht ausstellen, also blieb mir nichts anderes übrig, als einen Umweg über einen kleineren Passweg zu nehmen. Nach ein paar zusätzlichen Kilometern und einigen Höhenmetern war ich schließlich wieder auf der Hauptstraße.

Doch der nächste Berg ließ nicht lange auf sich warten – und mit ihm auch der zweite Tunnel, der ebenfalls für Fahrräder gesperrt war. Da dieser Tunnel gerade einmal 300 Meter lang war, war mir der Gedanke, erneut einen langen Umweg zu fahren, zu absurd. Also griff ich zu einem kleinen Trick: Ich erklärte dem Polizisten, dass die Rohloff-Nabe an meinem Hinterrad ein Motor sei, der mich bis 45 km/h unterstütze. Da für den Tunnel eine Mindestgeschwindigkeit von 45 km/h vorgeschrieben war, war das genau das richtige Argument. Nach ein wenig Überzeugungsarbeit glaubten sie mir tatsächlich – und ich durfte passieren. So rauschte ich als „motorisiertes Fahrzeug“ durch den Tunnel, froh über die gesparte Zeit und Energie.

Einige Kilometer später führte die Strecke wieder zwischen Seen und dem Meer entlang – wunderschön, aber auch schweißtreibend. Schon auf der Karte hatte ich gesehen, dass vor der großen Stadt Đà Nẵng noch ein weiterer Tunnel lag. Doch diesmal durften nur Autos und LKWs hindurch. Alle anderen – also auch ich – mussten über die Passstraße, die stolze 500 Höhenmeter hinaufführte. Bei 33 °C und 95 % Luftfeuchtigkeit bedeutete das: eine wahre Tortur. Über 15 Kilometer mit durchschnittlich 8 % Steigung kämpfte ich mich den Berg hinauf. Die Erschöpfung der letzten sechs Tage machte sich deutlich bemerkbar, doch ich wollte den Pass in einem Zug bezwingen – und das gelang mir.

Oben angekommen, gönnte ich mir zwei eiskalte Softdrinks, stellte mich unter einen Ventilator und genoss das Gefühl, es geschafft zu haben. Nebenbei erkundete ich noch eine alte Burgruine, die in früheren Zeiten ein bedeutender strategischer Punkt war. Danach folgte eine rasante Abfahrt über 10 Kilometer – ein befreiendes Gefühl nach all der Anstrengung.

In Đà Nẵng angekommen, änderte sich das Bild sofort: dichter Verkehr, Roller, die ohne Vorwarnung anhalten, hupende Autos, LKWs, die vorbeirauschen – volle Konzentration war gefragt. Ich machte eine kurze Pause in einem Restaurant und kam dort mit einem älteren Vietnamesen ins Gespräch. Mit Hilfe eines Übersetzers unterhielten wir uns über meine Reise, und zum Abschied machte er stolz ein Foto mit seiner Enkeltochter und mir.

Kurz darauf erreichte ich schließlich Hội An, mein heutiges Ziel. Ich fuhr direkt zu einem Homestay, das ich mir schon im Voraus herausgesucht hatte – mitten in der Altstadt, perfekt gelegen, um am nächsten Tag die Stadt zu erkunden. Am Abend brachte ich noch meinen Blog auf den neuesten Stand, schnitt mein Reel für den Tag und gönnte mir anschließend eine wohlverdiente Massage. Die Verspannungen der letzten Tage lösten sich endlich, und nach einem leckeren Abendessen fiel ich erschöpft, aber zufrieden ins Bett.