Wieder auf dem Sattel – und mitten ins vietnamesische Mittherbstfest
Am Morgen wachte ich im Haus von Thao auf. Mein Rückflug am Vortag war erst gegen 20 Uhr in Hanoi gelandet. Dort hatte Thao bereits auf mich gewartet und mir ein Taxi organisiert, das groß genug war, um sowohl mich als auch mein Fahrrad mitzunehmen – oder zumindest fast. Da nur noch ein Sitz neben dem Fahrer frei war, setzte sich Thao kurzerhand hinten neben das Fahrrad auf den umgeklappten Sitz. So kamen wir erst spät in der Nacht bei ihr zu Hause an – die Fahrt dauerte rund drei Stunden.
Am nächsten Morgen war Thao leider ziemlich niedergeschlagen und gereizt. Ihre Situation ist sehr belastend: Sie lebt in Vietnam, während ihr Kind in Deutschland ist, und sie hat keine Möglichkeit, es zu sehen. Das zermürbt sie zunehmend. Ich denke, sie bräuchte dringend professionelle Hilfe, um wieder Stabilität und Perspektive zu finden. Vor wenigen Tagen hatte sie auch noch ihren Job gekündigt, weil sie sich nicht mehr konzentrieren konnte – zu viele Gedanken an ihren Sohn und ihren Mann, der sie verlassen hat.
So packte ich etwas früher als geplant meine Sachen, verabschiedete mich und machte mich wieder auf den Weg. Ich überprüfte noch einmal, ob ich mein Fahrrad nach der Reparatur richtig zusammengebaut hatte, und startete von Halong aus über Haiphong Richtung Süden.
Einige Kilometer später kam ich an meiner Unfallstelle von vor einer Woche vorbei. Keine schönen Erinnerungen – ein kurzer, schwerer Moment. Danach aber fingen die vertrauten Bilder Vietnams an, mich wieder zu beruhigen: Wasserbüffelherden, kleine Dörfer, geschäftige Landstraßen. Schließlich erreichte ich die Stadt Thái Bình.
Auf dem Weg fiel mir auf, dass an vielen Orten Pavillons aufgebaut und mit bunten Stoffen geschmückt wurden. Überall hörte ich Musikboxen, sah fröhliche Menschen und Kinder mit Laternen. Ich fragte mich den ganzen Tag, welcher besondere Anlass wohl bevorstand – und fand es erst am Abend heraus: Mittherbstfest! Ein wichtiger Feiertag in Vietnam, der mit Musik, Essen, Drachenkostümen und viel Gemeinschaft gefeiert wird.
Nach meiner Ankunft in der Unterkunft machte ich mich zu Fuß auf die Suche nach einem Restaurant – das nächste war ein gutes Stück entfernt. Ich bestellte mein gewohntes Gericht aus Reis und Eiern, doch kaum hatte ich Platz genommen, winkten mich vier Männer an ihren Tisch. Sie luden mich ein, mit ihnen zu essen. Schnell standen mehrere Hanoi-Biere auf dem Tisch, auf die wir gemeinsam anstießen.
Nach dem Essen nahmen sie mich noch mit zu einem großen Platz, auf dem Musik gespielt wurde, Kinder tanzten und Menschen lachten. Ich lernte Freunde der Männer kennen, unterhielt mich mit ihnen, genoss die Atmosphäre. Hätte ich gewusst, dass ein so festlicher Anlass ansteht, wäre ich wohl nicht einfach in meinem normalen T-Shirt und unfrisiert losgezogen – aber so war es vielleicht umso echter.
Nach zwei schönen Stunden verabschiedete ich mich müde und zufrieden, ging zurück zu meiner Unterkunft und fiel erschöpft, aber glücklich ins Bett.







