Der Schock von Haiphong – Ein Unfall, der alles verändert
Heute Morgen wollte ich früh starten, um im flachen Gelände ordentlich Kilometer zu machen. Ich fuhr aus der Großstadt Haiphong hinaus, über Landstraßen und durch kleinere Dörfer. Der Verkehr war wie so oft sehr chaotisch und trubelig.
Plötzlich überholte mich ein weißer Kombi. Keine fünf Sekunden später, während ich kurz nach links aufs Feld schaute, stand genau dieses Auto mitten auf der Straße – völlig unvermittelt. Der Fahrer hatte nach dem Überholen eine Vollbremsung hingelegt. Ich hatte keine Chance mehr zu reagieren und prallte ungebremst auf das Heck des Wagens.
Wie durch ein Wunder blieb ich unverletzt. Mein Fahrrad rutschte nicht weg, ich stürzte nicht über den Lenker. Meine Klickpedale hielten mich so fest, dass ich nur nach vorne katapultiert wurde. Der Fahrer aber kümmerte sich kaum: Er telefonierte weiter, wischte flüchtig meinen Schweißabdruck von seiner Heckscheibe, fragte halbherzig, ob es mir gut ginge – und fuhr dann einfach davon.
Noch unter Schock musste ich feststellen, dass mein Fahrradrahmen gebrochen war. Das Vorderrohr war komplett durch. Wahrscheinlich hatte die Wucht des senkrechten Aufpralls all mein Gewicht auf diesen einen Punkt gebracht. Zuerst versuchte ich naiv, das Rad schweißen zu lassen. Doch der Schweißer arbeitete völlig unprofessionell: Er entfernte den Lack kaum, brutzelte einfach drauflos, kühlte die Stelle mit Wasser ab, anstatt sauber zu arbeiten. Das Ergebnis: ein verzogener Rahmen, eine verbogene Gabel – das Rad war ein Totalschaden.
Nach einem Telefonat mit meinen Eltern war klar: Es gibt keinen anderen Weg. Ich muss zurück nach Deutschland fliegen, um Rahmen, Gabel und Vorderrad zu ersetzen – und danach wieder zurückkehren, um meine Reise fortzusetzen. Natürlich bedeutet das enorme Kosten, Stress und Organisation. Aber gleichzeitig war mir bewusst: Ich hatte Glück im Unglück. Es hätte auch mir selbst Schlimmes passieren können.
Bevor ich jedoch abreisen konnte, brauchte ich für die Versicherung eine Unfallaufnahme. Doch das stellte sich als fast unmöglich heraus. Der Autofahrer war verschwunden, ich hatte im Schock weder Kennzeichen noch Details notiert. Auf der ersten Polizeistation wurde ich nicht ernst genommen. Erst als ich meine deutschsprachige Bekannte einschaltete, nahmen die Beamten meine Bitte ernster. Nach zwei Stunden schickte man mich weiter zur Verkehrspolizei, 500 Meter entfernt. Dort wiederum erklärte man mir, dass ohne den anderen Fahrer nichts getan werden könne. Dann wieder zurück zur Hauptstation: Man bot mir an, die Überwachungskameras prüfen zu lassen. Doch das Risiko war hoch – sollte die Polizei den Unfall mir zuschreiben, müsste ich am Ende dem Autofahrer Geld zahlen, vielleicht sogar mein Fahrrad abgeben. Dieses Risiko konnte ich nicht eingehen.
Immerhin erhielt ich schließlich einen offiziellen Zettel, unterschrieben vom Fahrradladen und von der Polizei gesiegelt, dass ich einen Unfall hatte. Nicht perfekt, aber besser als gar kein Nachweis.
Danach half mir meine Kontaktperson weiter: Erst mit einem Viehtransporter in die nächste größere Stadt, dann mit einer kleinen Buslimousine zu ihr nach Hause. Gemeinsam besorgten wir Verpackungsmaterial, und weil die Fahrradläden schon geschlossen waren, bekamen wir in einem Möbelgeschäft einen riesigen Karton von einem alten Kühlschrank. Am selben Abend verpackten wir das Fahrrad abenteuerlich, aber sicher in diesem Karton.
Noch am Abend buchte ich meinen Rückflug für den nächsten Tag. Erschöpft, gestresst und ziemlich niedergeschlagen legte ich mich schlafen – mit der Hoffnung, dass bald alles wieder in Ordnung kommt und ich meine Reise Richtung Singapur schon bald fortsetzen kann.










