Zwischen Einladung in Wasserkraftwerk, Böllern und Begegnungen im Süden Yunnans
Erholt wachte ich heute in meinem Zelt auf. Als ich frühstücken wollte, stellte ich fest, dass ich gar kein heißes Wasser für meine Instant-Nudeln hatte. Also packte ich schnell zusammen und rollte ins nächste Dorf hinunter, wo mir sofort an einem Wasserspender heißes Wasser angeboten wurde – in China fast überall selbstverständlich. So startete ich nach Nüssen und Nudeln in den Tag.
Der Weg führte mich einen Berg hinauf, und kurz vor der Passhöhe traf ich ein älteres Ehepaar auf einem Roller. Erst verstand ich ihre Fragen nicht, doch wenig später sprach die Frau in einfachem Englisch zu mir. Sie luden mich ein, ihr Wasserkraftwerk zu besichtigen, das sie leiteten. Meine Neugier war sofort geweckt.
So bekam ich eine private Führung durch die Turbinenhalle, die Kontrollzentrale und durfte mich sogar selbst durch die Bildschirme klicken. Anschließend stiegen wir gemeinsam 70 Stufen auf die Staumauer hinauf – beeindruckend, wie gewaltig selbst ein „kleiner“ Staudamm sein kann. Weniger erfreulich war der viele Müll, der sich im Zufluss gestaut hatte. Ein Anblick, an den ich mich nie gewöhnen werde, so sehr er in weiten Teilen Asiens alltäglich ist.
Nach dem Rundgang servierte mir das Ehepaar in ihrem Nebenhaus Tee, Nüsse, Kuchen, Eier von den eigenen Hühnern und frisch geröstete Maronen. Wir unterhielten uns lange – mithilfe eines Übersetzers – über ihre Familie, Reisen nach Australien und die Pläne ihrer Enkelkinder, dort zu studieren. Eine Begegnung, die mir einmal mehr zeigte, wie verschieden die Lebensrealitäten innerhalb Chinas sind.
Nach zweieinhalb Stunden Pause verabschiedete ich mich herzlich und setzte meine Fahrt fort. Kaum zehn Kilometer später stieß ich auf das nächste Spektakel: laute Schüsse, Rauch, ein Tuk-Tuk voller Böllerbatterien und eine Prozession in buddhistischen Gewändern. Es war ein Ritual, um Geister zu vertreiben – laut, chaotisch und gefährlich. Ein explodierendes Projektil traf sogar direkt meine Brille; zum Glück trug ich sie, sonst hätte es böse enden können. Noch lange hörte ich das Piepen in meinem Ohr.
Weiter ging es durch landwirtschaftlich geprägte Regionen: Felder mit Chili, Auberginen, Tabak und viel Gemüse. Dann ein langer Stau – Ursache war ein LKW, dessen Vorderachse gebrochen war. Der tonnenschwere Koloss war in den Graben geschlittert und wurde nun mit einem gigantischen Kran geborgen. Für das Dorf war es ein Ereignis, für mich ein eindrucksvolles Beispiel, wie gefährlich die kurvigen Bergstraßen für LKW-Fahrer sind.
Anschließend entschied ich mich gegen die Route von Komoot und folgte stattdessen der Empfehlung einer chinesischen Navigations-App. Anstatt vieler kleiner Hügel brachte sie mich jedoch über einen einzigen gewaltigen Anstieg von 1300 auf 1950 Meter. Schweißtreibend, aber landschaftlich lohnend: Zikaden, Vögel und weite Blicke belohnten mich am Pass.
Im ersten Dorf hinter der Passhöhe fand ich eine einfache Unterkunft, wusch mich und aß mein gewohntes Abendgericht. Dort kam ich mit zwei Männern ins Gespräch: Der eine betreibt einen kleinen Handyladen und verdient mit 1000 Euro im Monat vergleichsweise gut. Der andere fährt LKW und muss mit etwa 300 Euro über die Runden kommen – bei 70 Arbeitsstunden pro Woche. Solche Gespräche sind für mich ein zentraler Bestandteil meiner Reise: Sie eröffnen mir Einblicke in die Lebenswirklichkeit der Menschen, fernab jeder touristischen Kulisse.
So ging ein Tag voller Erlebnisse und Begegnungen zu Ende – und ich legte mich zufrieden zur Ruhe.





