Tag
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20 Tunnel, tibetische Eindrücke und ein unerwartetes Nachtlager


Heute ließ ich den Tag ruhig angehen und startete erst gegen 9:30 Uhr. Zunächst führte mich der Weg aus der Stadt hinaus, immer wieder hügelig am Jinsha-Fluss entlang. Dann begann die Tunnel-Etappe – ein Tunnel nach dem anderen, insgesamt etwa zwanzig Stück. Einige waren gut ausgebaut und sogar bergab, sodass sie Spaß machten. Doch die meisten waren nur beleuchtet, nicht aber belüftet. Mehrere Kilometer durch stickige Luft mit CO₂-Smog zu fahren, ist alles andere als angenehm – und mit dem Sauerstoffmangel auch nicht ganz ungefährlich. Also hieß es: möglichst flach atmen und so schnell wie möglich wieder raus ans Tageslicht.

Mittags entdeckte ich eine Brücke, die auf die tibetisch-autonome Seite des Flusses führte – eigentlich ein Gebiet, das ich nicht betreten darf. Doch da ich dort ein kleines Dorf mit einem Supermarkt sah und meine Getränke auffüllen wollte, riskierte ich es. Der Polizist im Häuschen an der Brücke schlief tief und fest, also rollte ich ungestört vorbei. So verbrachte ich meine Mittagspause auf der „verbotenen“ Seite, wurde von neugierigen Tibetern bestaunt und kehrte dann genauso unbehelligt wieder zurück. Der Polizist schlief noch immer.

Später teilte sich die Straße. Entweder die lange, harte Variante über die Hauptstraße bis auf 4000 m – oder ein kleinerer Nebenweg: kürzer, weniger Höhenmeter, dafür unklar, ob er überhaupt noch existiert, geteert oder passierbar war. Ich entschied mich für das Abenteuer und bog auf den schmaleren Weg ab. Bald wurde es einsam, immer wieder lagen große Felsbrocken auf der Straße. Doch zum Glück begegneten mir hin und wieder Autos, ein Zeichen, dass ich nicht völlig im Niemandsland unterwegs war.

Als ich eine zerstörte Brücke am Wegrand sah, ahnte ich schon, dass ich vielleicht bald umdrehen müsste. Immerhin musste ich selbst wenig später auch eine Brücke überqueren. Doch meine Sorge war unbegründet: Die Straße wurde wieder besser, die Brücke intakt, und ich konnte weiterfahren.

Nach rund 110 Kilometern und über 900 Höhenmetern erreichte ich schließlich zwei lange, leerstehende Gebäude am Straßenrand. Sie wirkten verlassen, boten aber genau das, was ich suchte: Schutz vor der Straße und einen sicheren Platz für mein Zelt. Ich richtete mich in einem der Zimmer ein, schloss die Tür gegen wilde Tiere, erledigte meine Abendroutine – und legte mich zufrieden zur Ruhe. Ein abenteuerlicher Tag, der einmal mehr gezeigt hat: Risiko eingehen lohnt sich oft.