Zwei Pässe, zwei Tunnel und ein langer Tag im Sattel
Ich gönnte mir heute Morgen etwas mehr Schlaf als geplant – und startete dadurch ausgeruht in den Tag. Das Halskratzen war fast verschwunden. Nach dem Packen schleppte ich mein Gepäck aus dem Hotel im dritten Stock nach unten, stieg auf mein Rad und fuhr direkt in den ersten Anstieg. Der Ort lag am Fuß des Berges, und so ging es gleich 1000 Höhenmeter bergauf – von 2990 m bis knapp auf 4000 m. Die Strecke führte mich durch enge Schluchten, Wälder, vorbei an tibetischer Felsmalerei und durch kleine Dörfer auf den höheren Ebenen.
Oben überraschte mich ein Tunnel, den ich bei der Routenplanung in Komoot nicht bemerkt hatte. Die alte Route führte über einen Wurzelpass mit weiteren 500 Höhenmetern, aber da unklar war, ob dieser überhaupt passierbar wäre, entschied ich mich für den Tunnel. Er war erstaunlich modern: gut beleuchtet, mit frischer Luft und sogar Wandmalereien – eine Seltenheit in dieser abgelegenen tibetischen Region. Ich wusste, wie wichtig Sauerstoff in langen Tunneln ist, besonders für Radfahrer, da sich in schlecht belüfteten Röhren schnell CO₂ anstauen kann. Hier war alles perfekt.
Die Abfahrt danach war ein Traum: 17 km Serpentinen bergab, mit 40 km/h einfach rollen lassen – pure Belohnung nach drei Stunden Klettern. Eigentlich wollte ich im nächsten Dorf im Tal übernachten, doch da ich noch Kraft hatte und die Chance sah, den letzten großen Berg meiner China-Etappe schon heute zu fahren, zog ich weiter.
Die ersten Kilometer des zweiten Anstiegs verliefen moderat durch kleine tibetische Dörfer, doch nach 25 km wurde es steil. Ich sah eine im Bau befindliche Brücke und hoffte auf einen weiteren Tunnel, der mir den Weg erleichtern würde – aber Fehlanzeige. Die Straße wand sich in scharfen Serpentinen den Berg hinauf. Das war kräftezehrend, denn es war bereits mein zweiter 1000-Meter-Anstieg des Tages.
Oben erwartete mich ein weiteres Tunnel-Erlebnis – diesmal das genaue Gegenteil des ersten: alt, unbeleuchtet, ohne Belüftung. Ich wusste, er war etwa 3,5 km lang. Mein Nabendynamo-Licht verweigerte plötzlich den Dienst, und meine Stirnlampe war tief im Gepäck verstaut. Also blieb nur das iPhone-Licht und die kleine Lampe an meiner Warnweste. Damit leuchtete ich nur wenige Meter voraus und fuhr vorsichtig, um Schlaglöchern auszuweichen und Sauerstoff zu sparen. Es waren 15 sehr konzentrierte Minuten, die sich endlos anfühlten. Als ich endlich wieder Tageslicht und frische Luft hatte, war es bereits 19 Uhr.
Mir blieb wenig Zeit, einen Schlafplatz zu finden, bevor es dunkel wurde. In dieser Gegend sollte man wegen der Bären nicht zelten, also suchte ich eine Unterkunft im nächsten Dorf, Songduo. Dort gab es keine, und die erste Familie, die ich fragte, lehnte ab. Schließlich half mir ein Dorfbewohner und brachte mich zu jemandem, der mich aufnehmen konnte.
In seinem Haus empfing mich eine große Familie herzlich. Ich zog meine verschwitzten Klamotten aus und bekam frisch gekochten Reis mit Yakfleisch – genau das Richtige nach diesem Tag. Um 22 Uhr fiel ich erschöpft ins Bett im Wohnzimmer.
137 km, 2100 Höhenmeter und neun Stunden im Sattel – beide großen Anstiege, die eigentlich auf zwei Tage verteilt waren, an einem Tag geschafft. Solche harten Tage lassen mich die entspannteren umso mehr schätzen





