Entlang des Jinsha-Flusses und ein kurioser Grenzversuch
Am nächsten Morgen stellte ich mir wieder früh den Wecker, um genügend Zeit für den bevorstehenden Tag zu haben. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, doch dichter Wolkenhimmel lag weiterhin über den Bergen. Die Mutter der Familie bereitete mir ein Frühstück aus Reis, Ei und Gemüse zu. Nach einer warmherzigen Verabschiedung von dieser unglaublich netten tibetischen Familie packte ich meine Sachen und setzte meine Fahrt in die Berge fort.
Der Weg führte mich entlang des Jinsha-Flusses, der hier die natürliche Grenze zwischen der Autonomen Region Tibet (Xizang) und dem tibetischen Hochland von Sichuan bildet. Die ersten 30 Kilometer waren kräftezehrend, da die Straße noch im Bau war. Ständig ging es etwa 40 Höhenmeter bergauf und anschließend wieder bergab – und das den ganzen Tag über. Diese ständigen kleinen Anstiege und Abfahrten forderten mich auf eine ganz andere Weise als lange, gleichmäßige Pässe. Gleichzeitig war die Abwechslung aber auch schön, denn hinter jeder Flusskurve wartete ein kleines tibetisches Dorf, ein Denkmal oder ein Kloster.
Meine Mittagspause verbrachte ich an einem Kloster mit herrlichem Blick auf den Fluss. Danach ging es wieder hoch und runter, bis ich schließlich die Stadt Lakonglong erreichte. Als ich gerade ein Hotel suchen wollte, hielt hinter mir ein Polizist an. Freundlich fragte er, was ich hier mache und wohin ich unterwegs sei. Ich erklärte, dass ich die Nacht hier verbringen und am nächsten Tag einen Ruhetag einlegen wolle – nach acht anstrengenden Tagen in den hohen Bergen. Er bat mich um meinen Reisepass, war aber durchweg nett und machte keinerlei Probleme. Wir unterhielten uns noch ein wenig, dann bot er an, mich zu einem Hotel zu bringen.
Dieses lag gerade einmal 300 Meter entfernt – zu Fuß ein Katzensprung, aber er fuhr voraus, während ich mit dem Fahrrad folgte. Im Hotel handelte ich einen Preis von 300 Yuan (etwa 33 €) für zwei Nächte aus. Das Haus war reich mit tibetischen Verzierungen geschmückt, und mein großes Zimmer mit zwei Betten und einem großzügigen Bad ließ mich fast wie einen König fühlen. Als der Polizist mir noch seinen WeChat-Kontakt geben wollte, scheiterte es daran, dass sein Konto nicht mit ausländischen Profilen verknüpft werden durfte. Stattdessen tauschten wir einfach Telefonnummern aus. Es wirkte schon kurios, dass selbst ein hoher Polizeioffizier durch staatliche Beschränkungen blockiert wurde – die tibetischen Beamten unterliegen offenbar denselben Einschränkungen wie die Bevölkerung.
Da es erst 16 Uhr war, nutzte ich die Zeit, um zu duschen, mich umzuziehen und ein wenig durch die Stadt zu schlendern. Über den Jinsha-Fluss führte hier auch eine Brücke, die direkt in die Autonome Region Tibet (Xizang) hinüberging. Spontan beschloss ich, zu testen, ob ich zumindest kurz auf diese Seite gelangen könnte – obwohl mir klar war, dass der Zutritt normalerweise nur mit Guide, festgelegter Route, Fahrzeug und erheblichem finanziellen Aufwand erlaubt ist.
Tatsächlich gelang es mir, über die Brücke zu gehen – doch an der Grenzkontrolle war dann Schluss. Rein geografisch hatte ich in diesem Moment allerdings schon tibetischen Boden betreten, da die Mitte der Brücke die Grenze markierte. Dieser Bereich war ein rechtlicher und polizeilicher Graubereich. Von dort aus betrachtete ich noch eine Weile die Landschaft und den reißenden Jinsha-Fluss, bevor ich zurückging.
Am Abend aß ich in der Stadt zu Abend und ließ den Tag entspannt in meinem Hotelzimmer ausklingen.









