Über den Kulun-Pass und eine Nacht bei den Bauarbeitern
Am Morgen fiel mir das Aufstehen schwer: Die Nacht hatte gerade mal 5 °C und dazu hatte es leicht geregnet. Fröstelnd zog ich meine dicksten Sachen an, frühstückte ein paar Kekse und packte mein Zelt zusammen. Wenn es kalt ist, geht plötzlich alles schneller – und nach den ersten Kilometern im Sattel war mir auch schon wieder warm.
Von meinem Schlafplatz auf 4.030 m ging es stetig bergauf zum Kulun-Pass auf 4.780 m, der zum UNESCO-Welterbe gehört. Unterwegs begegnete ich zehn Schwertransport-LKWs mit riesigen Rotorblättern für Windräder. Wie sie diese endlosen Kurven, Schotterpassagen und steilen Abschnitte gemeistert hatten, war mir ein Rätsel. Für Autos blockierten sie lange die Straße – ich konnte mich mit dem Rad einfach vorbeischlängeln.
Kurz vor der Passhöhe hielt ein Auto neben mir. Zwei Wasserflaschen und sogar eine Sauerstoffflasche wurden mir aus dem Fenster gereicht – bisher hatte ich zwar keine Atemprobleme, aber wer weiß, vielleicht wird das in den nächsten Tagen noch nützlich.
Oben am Pass stellte ich mein Fahrrad neben ein buddhistisches Monument und wanderte auf den angrenzenden Berg. Die 5.000 m-Marke verfehlte ich knapp – bei 4.920 m war Schluss. Dort flatterten tibetische Gebetsfahnen im Wind, zwei Gebetsmühlen drehten sich leise, und die Aussicht über das Tal war mit den schweren Wolken besonders dramatisch. Bevor ich abstieg, drehte ich noch die Gebetsmühle – ein kleines Ritual für Glück auf der weiteren Reise.
Die Abfahrt entpuppte sich als wenig spaßig: Rund drei Viertel der Strecke bestanden aus schlammigen, steinigen Umleitungen, da die Straße noch im Bau war. Schließlich erreichte ich ein Dorf, an dem sich meine Route von der Straße ins tibetische Kernland trennte. Ich war angespannt – nicht sicher, ob ich diese Strecke von Golmud hierher überhaupt offiziell hätte fahren dürfen – doch es hielt mich niemand auf.
Nach einem frühen Abendessen und dem Auffüllen meiner Vorräte für die nächsten 150 km ohne Versorgung veränderte sich die Landschaft abrupt: Aus hohen Bergen wurde eine weite, flache Graslandschaft. Der Nieselregen wurde stärker, und hinter mir wuchs eine massive Regenwand heran. Um nicht in ein Unwetter zu geraten, fragte ich an einer Baustelle, ob ich mein Zelt unter einer großen Halle aufstellen dürfe. Stattdessen bot man mir ein Bett in einem Bauarbeitercontainer an.
Innerhalb von Sekunden stand ich, noch in voller Radmontur, vor 20 neugierigen Bauarbeitern, die filmten und staunten, als hätten sie noch nie einen Radreisenden gesehen. In einem Container bekam ich etwas zu essen und erfuhr per Translator, dass sie hier zwei Monate lang an einer Brücke arbeiteten – ohne Toilette, einfach mit der weiten Wiese hinter den Containern als „Sanitärbereich“.
Ich wusch mich mit einem Eimer kalten Wassers, genoss den Blick über die grüne Ebene, während draußen der Regen stärker wurde, und legte mich schließlich in meinem Bauarbeiterbett schlafen.





