Über 3600 Meter, endlose Einsamkeit und ein Zeltplatz hinter der Polizeistation
Mit dem ersten Licht des Tages verließ ich mein geschütztes Nachtlager im Tunnel. Die Sonne ging gerade auf, als ich mich dem langen Anstieg näherte. Die Straße führte mich in mehreren Serpentinen höher und höher – die Bergkulisse im Licht der Morgensonne war einfach spektakulär.
Doch die Strecke hatte es in sich: 1.050 Höhenmeter auf einmal, verteilt über dreieinhalb Stunden. Und das bei voller Beladung – ich musste nicht nur meine Ausrüstung, sondern auch genug Wasser für die nächsten 120 Kilometer mitschleppen. Auf meinem vorderen Gepäckträger balancierte ich einen 5-Liter-Kanister, dazu kamen mehrere Flaschen in den hinteren Taschen. Jeder Meter spürte sich doppelt so schwer an.
Oben, auf 3.625 Metern, angekommen, war ich völlig erschöpft – aber auch stolz. Dort traf ich einen netten Chinesen, der mit mir ins Gespräch kam. Am Ende wollte er noch ein paar Fotos machen – eine kleine Pause, die mir auch ganz gelegen kam.
Dann begann die lange Abfahrt hinunter auf das tibetische Plateau, das auf etwa 2.800 Metern Höhe liegt. Mit leichtem Rückenwind glitt ich förmlich dahin – anfangs. Doch wie so oft kam der Wind nicht nur von hinten, sondern auch von der Seite, was mich auf Dauer wieder ausbremste.
Trotzdem war es landschaftlich faszinierend: wüstenartige Hochebenen, weite Sicht, vereinzelt Touristen, die die majestätischen Berge und Sandformationen am Straßenrand fotografierten. Ich dagegen schlängelte mich an mehreren Polizeicheckpoints vorbei, denn in der Qinghai-Region herrscht ein hohes Maß an Kontrolle.
Nach einer gefühlt endlosen Etappe von 145 Kilometern – ohne eine einzige Möglichkeit zur Verpflegung – erreichte ich endlich das erste Dorf. Ich war ausgehungert, durstig und sehnte mich nach einer Dusche und einem Bett. Doch der Empfang war ernüchternd: Das erste Hotel wies mich ab, weil ich Ausländer bin. Das zweite tat es ebenfalls – und rief zusätzlich noch die Polizei, was mir ganz und gar nicht gefiel.
Ich machte mich schnell wieder aus dem Staub, fuhr ein paar Umwege durch die Seitenstraßen und versuchte, möglichst unauffällig in einem Restaurant etwas zu essen. Doch bei der Kameraüberwachung hier half auch das nicht – die Polizei stand wenig später vor der Tür.
Immerhin: Ich hatte Glück, dass ein chinesischer Radreisender ebenfalls im Restaurant war – er diente als Übersetzer. Die Polizisten waren sichtlich nervös, wollten, dass ich per Taxi nach Golmud fahre und den Ort verlasse. Ich erklärte ihnen freundlich aber bestimmt, dass ich die Rechtslage zuvor recherchiert hatte und mein Aufenthalt hier vollkommen legal ist. Nach längerer Diskussion gaben sie schließlich nach, unter der Auflage, dass ich:
nicht zu Sehenswürdigkeiten oder Orten abseits der Straße gehe,
kein Hotel beziehe,
aber mein Zelt hinter der Polizeistation aufschlagen dürfe.
Nach dem Abendessen – und einer abenteuerlichen Katzenwäsche in der öffentlichen Toilette – ging ich mit meinem neuen Radreisefreund zum zugewiesenen Platz. Hinter der Polizeistation hatte sich bereits eine kleine Zeltstadt gebildet – offenbar kein Einzelfall.
Wir unterhielten uns noch lange, während die Nacht langsam über die Hochebene zog. Trotz der Umstände – Zeltplatz im Hinterhof einer Polizeistation – war die Atmosphäre fast familiär. Ein friedlicher Abschluss eines körperlich und mental anstrengenden Tages.






