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Durch die Nacht und über die Wüste: 140 km, Müdigkeit und ein unfreiwilliges Abenteuer

Um 1:00 Uhr nachts klingelte mein Wecker – viel zu früh, aber notwendig. Meine Radsachen hatte ich noch vom Vortag an, also schwang ich mich direkt aufs Fahrrad und fuhr hinein in das tiefe, schwarze Ungewisse der Wüste. Ich hatte mein gesamtes Lichtsystem aktiviert, inklusive Radar, das mit meinem Fahrradcomputer verbunden ist. Es schlägt Alarm, sobald sich auf 250 Metern eine Bewegung nähert – eine große Hilfe, auch wenn man LKWs in der Wüste ohnehin schon kilometerweit vorher sieht.

Trotzdem spürte ich die Erschöpfung der nur vier Stunden Schlaf, und mein Körper brauchte eine Weile, um den umgekehrten Rhythmus zu akzeptieren. Immerhin war es mit 35 °C in der Nacht „etwas kühler“ als tagsüber. Der Grund für die nächtliche Abfahrt war klar: Die Strecke von der letzten bis zur nächsten Verpflegungsmöglichkeit betrug 140 Kilometer – komplett durch die Wüste, ohne Wasser, ohne Schatten, ohne Leben. Tagsüber unmöglich zu bewältigen.

Ich hatte 7,5 Liter Wasser, genug Essen und voll aufgeladene Lampen dabei. Nach 75 Kilometern machte ich auf einer Ausbuchtung Pause, wo ein paar LKW-Fahrer übernachteten. Essen konnte ich kaum – mein Körper war zu durcheinander. Als es dämmerte und ich weiterfuhr, überkam mich plötzlich eine heftige Müdigkeit. Um 6:50 Uhr, nach fünfeinhalb Stunden Fahrt, ging die Sonne hinter den Bergen auf – ein eigentlich schöner Moment, aber ich kämpfte gegen das Einschlafen. Mehrmals musste ich mich wach halten, mich schlagen, gähnte pausenlos. Wie durch ein Wunder verschwand die Müdigkeit dann nach etwa einer halben Stunde. Ich war wieder voll da.

Aber es wurde jetzt richtig heiß – und dazu kam der Gegenwind. Die letzten 50 Kilometer, mit 500 Höhenmetern, forderten alles von mir. Die psychische Zermürbung, wenn man die Tankstelle schon 15 Kilometer vorher sieht, war wie am Vortag kaum zu ertragen. Doch ich schaffte es – endlich kalte Getränke, eine Truckerunterkunft, eine Dusche, Klimaanlage.

Schlafen konnte ich trotzdem kaum. Ich nutzte die Zeit, um den nächsten Abschnitt zu planen – und erkannte: Die nächsten 350 km durch die Wüste, mit nur einer Verpflegungsstation in der Mitte, wären nicht machbar. Zu viele Höhenmeter, vorhergesagter Gegenwind, zu extreme Temperaturen. Weder tagsüber noch nachts möglich.

Da die Alternativroute über eine Autobahn führt, auf der Fahrräder verboten sind, entschied ich mich schweren Herzens: Ich musste trampen. Auf dem Rastplatz fand ich schnell eine Mitfahrgelegenheit bis zur Kreuzung, an der die Straße in Richtung meines Ziels abzweigt. Von dort war es jedoch sehr schwierig, weiterzukommen. Viele Fahrzeuge wechselten direkt auf die Autobahn, auf der ich nicht mitfahren durfte.

Nach einiger Zeit hielt ein Pick-up, kurz darauf auch ein Auto dahinter. Darin saß Meyrambek, ein junger Mann mit kasachischen Wurzeln, der gebrochen Englisch sprach. Ich erklärte ihm meine Situation. Zunächst zögerte er – Ausländer mitzunehmen ist laut Polizei eigentlich verboten. Ich behauptete kurzerhand, dass die Polizei mir selbst geraten hätte, ein Auto zu nehmen – ein Notlüge, um ihn zu beruhigen. Nach einigem Zögern willigte er ein: Mein Fahrrad kam auf die Ladefläche, ich selbst ins hintere Auto seiner Familie, die auf dem Weg zu seiner Verlobungsfeier war.

Wir fuhren lange durch die eintönige Wüste, bis wir an die Grenze von Xinjiang zur Provinz Gansu kamen – und es kam, wie es kommen musste: Die Polizei kontrollierte alles, war wenig begeistert, dass ein Ausländer mitgenommen wurde. Sie fotografierten alle Dokumente, und Meyrambek bekam die Auflage, mich an einer Polizeistation bei Dunhuang abzugeben. Die Überwachung in China ist überall präsent.

An der Raststätte nahe der Grenze aßen wir noch gemeinsam und tranken Tee. Ich erfuhr mehr über Meyrambek: Er lebt in Kumul, und seine Familie war tatsächlich unterwegs zur Verlobung mit seiner Freundin. Die Fahrt ging weiter – karg, heiß, staubig.

Kurz vor Dunhuang, an einem weiteren Polizei-Checkpoint, ließ mich Meyrambek raus. Die Beamten registrierten mich und gaben ihm das Go, dass er keine weiteren Konsequenzen zu erwarten hatte. Ich war erleichtert – niemandem Ärger gemacht zu haben war mir wichtig.

Von dort waren es noch 20 Kilometer bis nach Dunhuang. Ich fuhr sie mit dem Rad, checkte in einem Hostel ein, aß noch etwas, plante die nächsten Tage – und fiel dann endlich ins Bett.