Tag
1

Glühende Hitze, reißender Kanal und ein getarntes Nachtlager 
 
Heute Morgen kam ich leider nicht ganz so früh los, da ich wegen der späten Ankunft gestern erst spät ins Bett kam. Trotzdem saß ich bereits um 9:30 Uhr wieder auf dem Rad – doch das war in der tiefen Ebene Chinas bereits fast zu spät. Die Hitze war unerbittlich: Ich startete bei 35 Grad, und im Laufe des Tages kletterte das Thermometer sogar auf 42 Grad. 
 
Immerhin: Keine Polizei heute. Keine Sperrgebiete, keine Umwege – ein Tag der Freiheit. Doch der neue Gegner war die brutale Mittagshitze, die mich enorm forderte. Ich musste mehrfach anhalten, mich ausruhen, Wasser trinken und Schatten suchen. Für die kommenden Tage habe ich mir vorgenommen, viel früher zu starten, um der heißesten Tageszeit zu entgehen. 
 
Die Landschaft war heute eher eintönig: viel Ackerland, trockene Steppe, vereinzelte kleine Städte und Dörfer. Es war ein Tag zum Kilometerfressen, nicht zum Staunen. Doch zum Abend hin war ich erschöpft – körperlich und mental. 
 
Ich sah auf der Karte, dass ein Fluss in der Nähe sein sollte – die Hoffnung auf ein kühles Bad ließ meine Beine noch mal etwas schneller treten. Leider entpuppte sich der Fluss als ausgetrocknetes Flussbett. Nur ein paar Hundert Meter davor entdeckte ich jedoch kleine Bewässerungskanäle, die noch reichlich Wasser führten. Also beschloss ich, mein Zelt etwas versteckt in einem Graben neben der Straße aufzubauen – hinter einer Baumreihe, die mich gut tarnte. 
 
Dann ging ich in den Kanal zum Baden – und das tat bei dieser Hitze unglaublich gut. Doch das Wasser hatte mehr Strömung, als ich zunächst dachte. In einem unachtsamen Moment riss mir der Kanal beinahe meine Action-Kamera und eine Adilette mit. In einer kleinen Rettungsaktion konnte ich beides gerade noch erwischen – Glück gehabt. 
 
Ein bisschen mulmig wurde mir dann aber doch: Der Kanal schien aus einer Industrieanlage zu kommen. Es roch zwar nicht unangenehm, aber ich hoffe dennoch, dass morgen früh keine Ausschläge oder Ähnliches auf mich warten. 
 
Mit der untergehenden Sonne im Rücken, der Erinnerung an den heißen Tag und der Hoffnung auf eine ruhige Nacht, legte ich mich schließlich in mein Zelt – mitten im Nichts, gut getarnt, am Rand eines chinesischen Kanalsystems.