Der erste Tag in China: Kontrolle, Gespräche und Grenzen
Heute stand der erste richtige Fahrradtour-Tag in China an – und er hatte es in sich. Die Straßen waren in hervorragendem Zustand, der Wind blieb schwach, und die Temperaturen angenehm. Die ersten 100 Kilometer rollten leicht bergab, und ich konnte richtig Strecke machen.
Auffällig war jedoch die dichte Überwachung: Alle paar Kilometer hängen Kameras über der Straße, viele davon mit Blitz – eine beinahe surreale Szenerie. Man wird hier permanent beobachtet, ganz gleich, ob man Auto fährt oder mit dem Rad unterwegs ist.
Zum Mittagessen hielt ich an einem kleinen Restaurant und bestellte wieder Nudeln mit Gemüse und Ei. Dort kam ich mit zwei etwa gleichaltrigen Jungs ins Gespräch. Anfangs fragten sie mich, woher ich komme und wie lange ich unterwegs sei. Doch dann wagte ich eine vorsichtige Frage: Wie ist die Lage der Uiguren hier wirklich?
Zur Einordnung: Ich befinde mich gerade im Distrikt Xinjiang, dem Heimatgebiet der uigurischen Minderheit. Was mir die beiden Jungs erzählten, war bedrückend. Alle Moscheen, sagten sie, seien zerstört worden. Männer dürfen keine traditionellen Bärte mehr tragen. Religiöse Praxis sei verboten – und wer sich widersetzt, riskiert Internierung.
Sie erzählten, dass ihre Eltern in sogenannten „Arbeitslagern“ schuften müssen, in denen ihnen regelmäßig eingetrichtert werde, dass chinesische Werte über allem stehen – ihre eigene Kultur und Religion gelten als „falsch“. Flucht ist unmöglich. Widerstand und Protest führen direkt in Lager. Auf meine Frage, wie sie mit dieser massiven Unterdrückung umgehen, meinten sie nur: „Wir kennen es nicht anders. Wir müssen es akzeptieren.“
Dann baten sie mich eindringlich, niemandem von diesem Gespräch zu erzählen, denn Uiguren dürfen nicht mit Ausländern sprechen – es ist verboten. Sie hätten große Angst, dass sie dafür schwer bestraft würden. Gerade deshalb schätze ich ihr Vertrauen umso mehr. Dieses Gespräch ließ mich nicht mehr los – und ich spürte, wie brutal und systematisch hier ein ganzes Volk unterdrückt wird.
Doch allzu lange konnte ich nicht nachdenken – denn nur wenige Kilometer weiter wurde ich von der Polizei angehalten und verhört. Man wollte wissen, woher ich komme, wohin ich fahre und warum ich überhaupt in der Region bin. Erst nach 15 Minuten kam ein Beamter, der per Telefon einen offiziellen Übersetzer dazu schaltete. 30 Minuten später durfte ich weiterfahren. Nervig – aber ich war innerlich schon auf solche Begegnungen vorbereitet.
Nach 140 Kilometern suchte ich mir am späten Nachmittag einen Fluss zur Abkühlung. Ich stellte mein Rad an einer kleinen Böschung ab und lief runter, um das Wasser zu checken. Genau in diesem Moment fuhr ein Polizeiauto vorbei, schaltete Sirenen und machte Rabatz. Zwei Ordner am Fluss erklärten mir, dass Baden hier verboten sei – zu gefährlich. Die Polizisten oben waren inzwischen sichtlich nervös und beäugten mich aus der Ferne.
Ich ließ sie bewusst ein wenig zappeln und unterhielt mich noch ein paar Minuten freundlich mit dem Ordner unten – ein angenehmer Kerl. Als ich dann wieder hochkam, sagten die Polizisten kein Wort, stiegen ein und fuhren weiter. Ich suchte mir eine andere Stelle.
Ein paar Kilometer zuvor hatte ich einen kleinen Campingplatz mit Fischteichen gesehen. Ich fuhr zurück und fragte, ob ich mich dort kurz abkühlen könne. Das wurde verneint – aber man zeigte mir einen geheimen Zugang zum Fluss. Dort angekommen, stand gleich eine Kamera. Ich wusste nicht, ob noch mehr versteckt sind – also machte ich es schnell. Hose an, rein, raus, abgetrocknet.
Keine fünf Minuten später: zwei Polizisten. Sie fragten, ob ich über Nacht dort bleiben wolle. Ich verneinte sofort – aus ihrer Frage war klar: Campen ist verboten. Also packte ich zusammen, machte noch meine Abendroutine und fragte auf dem Campingplatz nach, ob ich dort mein Zelt aufschlagen dürfe. Überraschung: Der Platz war sogar kostenlos.
Doch kaum saß ich auf einem Stuhl, standen die Polizisten schon wieder vor mir. Diesmal mit neuer Masche: Ich solle nicht hier übernachten, da abends Menschen viel trinken und sie sich um meine Sicherheit sorgten. Ich erwiderte, dass ich kein Hotel bezahlen will. Nach zig Telefonaten und Diskussionen kam schließlich der Polizeichef persönlich.
Ich sagte: „Ich gehe nur ins Hotel, wenn die Polizei Hotelkosten und Transport mit dem Fahrrad übernimmt.“ Erst wurde gezögert – doch letztlich stimmten sie zu. Ein Polizeibus wurde organisiert, mein Rad eingeladen, und los ging’s.
Vor der Abfahrt musste ich noch unzählige Fotos mit chinesischen Besuchern des Campingplatzes machen – viele waren einfach nur fasziniert von mir. Es herrschte eine ausgelassene, fast festivalartige Stimmung, und ich wäre wirklich gerne geblieben.
Doch ich weiß, warum ich nicht bleiben durfte: Die Polizei wollte mich von der uigurischen Bevölkerung fernhalten. Diese vorgeschobene Fürsorge war nicht ehrlich gemeint – sie fürchten, dass westliche Touristen wie ich den Menschen hier die Augen öffnen könnten. Genau deshalb gibt es diese extreme Überwachung und Kontrolle.
Im Hotel angekommen musste ich noch 45 Minuten warten, bis meine Passdaten endlich korrekt erfasst waren – ein typischer China-Bürokratie-Moment.
Nach diesem ereignisreichen, aufwühlenden und intensiven Tag bin ich gespannt, was die nächsten Tage in diesem komplexen und widersprüchlichen Land für mich bereithalten.







