Tag
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Zwischen Schrauben, steilen Bergen und heißen Quellen

Am heutigen Morgen startete ich früh und konnte noch ein letztes Mal das leckere Frühstück mit frischem Brot und der herrlichen Marillenmarmelade genießen. Ich verabschiedete mich herzlich von der unglaublich netten Familie – es fiel mir fast ein wenig schwer, diesen Ort zu verlassen.

Die Fahrt ging weiter, doch die Wege wurden immer schlechter und zäher. Zu Beginn nieselte es noch leicht, doch nach zwei Stunden kam die Sonne heraus – und brannte gnadenlos auf über 2000 Metern Höhe.

Der Familie aus der letzten Unterkunft hatte ich empfohlen, die heißen Quellen von Bibi Fatima zu besuchen. Genau das hatte ich heute auch vor. Doch bevor ich überhaupt in die Nähe kam, passierte etwas Unerwartetes: Mein Antrieb blockierte plötzlich.

Ich bekam einen Schreck – was war denn jetzt schon wieder los? Beim Nachschauen sah ich, dass sich eine der Rahmenschloss-Schrauben gelockert hatte. Sie stand weit heraus. Offenbar hatte meine Fahrradtasche, durch die ständigen Erschütterungen, immer wieder gegen die Schraube gedrückt, bis sie sich allmählich herausarbeitete. Nun berührte sie das Ritzel und blockierte den Riemenantrieb.

Ich hatte leider keine Zange dabei, also klopfte ich beim nächstgelegenen Haus an. Der Mann dort half mir freundlich weiter – ich konnte die Schraube mit einer Zange wieder reindrehen, ohne gleich das ganze Rad auseinanderbauen zu müssen. Ich war erleichtert. Doch keine 2 km später: dasselbe Problem erneut.

Wieder hatte ich Glück: ich war zufällig neben einem weiteren Haus. Wieder fragte ich nach einer Zange. Ich erklärte dem Mann, dass das Problem vermutlich noch öfter auftreten würde – und ob er vielleicht eine alte Zange hätte, die er nicht mehr brauche. Er schenkte sie mir. Eine ältere, aber voll funktionsfähige Zange – ein Geschenk, das in dieser Situation Gold wert war.

Ich wusste: Jetzt musste ich eine dauerhafte Lösung finden. Mein Plan: im nächsten Dorf eine Metallsäge besorgen, um die Schrauben zu kürzen, damit die Fahrradtasche nicht mehr gegen sie schlagen konnte.

Unterwegs begegnete ich einem jungen Mann in meinem Alter, der meinte, er habe eine Säge. Ich sollte ihm einfach folgen. Doch da ich noch meine Taschen wieder anbringen musste, war er schnell außer Sichtweite. Im Dorf angekommen, fragte ich auf dem Marktplatz nach einer Säge. Man gab mir eine grobe Holzsäge – aber damit kam ich natürlich nicht weit.

Ein pfiffiger Junge beobachtete das Geschehen, verschwand kurz und kam dann mit einer kräftigen Zange mit langem Hebel zurück. Mit dieser Zange konnte ich die hervorstehenden Schrauben einfach abzwicken – so, dass sie nicht mehr störten, aber im Notfall noch mit einer Zange erreichbar waren.

Zur Sicherheit kaufte ich mir im kleinen Dorfladen noch flüssigen Metallkleber und trug etwas davon auf die Außengewinde auf. Das sollte die Schrauben zusätzlich fixieren.

Danach ging’s endlich weiter – ohne weitere Probleme. Was ich jedoch nicht bedacht hatte: Die letzten 8 km bis zur heißen Quelle führten über 500 Höhenmeter, verteilt auf einen steil, sandig und steinigen Weg. Aber ich hatte mir das Ziel schon so sehr in den Kopf gesetzt, dass es für mich keine Option war, umzudrehen. Es war anstrengend und schweißtreibend – aber jeder Meter war fahrbar, wenn auch zäh.

Oben angekommen, checkte ich in einem Hostel ein und machte mich auf den Weg zur heißen Quelle. Dort hatte ich Glück: Obwohl eigentlich gerade die Zeit für Frauenbaden war, durfte ich allein in das Hauptbecken, da keine Frauen anwesend waren. Männer und Frauen wechseln sich dort alle paar Stunden ab, um in den getrennten Becken zu baden.

Das 40°C warme Wasser, das aus der Felswand sprudelte, war wunderbar, aber ich musste auf meinen Kreislauf aufpassen – nach dem anstrengenden Tag war mein Körper bereits ziemlich am Limit. Ich saß dort, umgeben von Moos, Schwefelablagerungen und den rauen Felsen – ein faszinierender Ort. Anschließend kühlte ich mich draußen ab, mit Blick auf die Berglandschaft auf über 3200 Metern Höhe. Es tat unbeschreiblich gut.

Am Abend lernte ich beim Abendessen im Hostel Ali kennen. Er war bereits seit fünf Tagen hier – um sich, wie er sagte, von seinem Alltagsstress zu heilen. Ali kommt aus Mumbai, lebt aber derzeit mit seiner tajikischen Frau in Duschanbe.

Wir redeten lange. Über Indien – das für mich noch ein weißer Fleck auf der Karte ist –, über seine Reisen und meine Tour. Ali arbeitet seit sieben Jahren in Qatar für ein Subunternehmen der FIFA und war unter anderem an der Organisation der Fußball-WM beteiligt. Auch wenn unsere Wege grundverschieden sind, fanden wir erstaunlich viele gemeinsame Gedanken.

Zum Abendessen gab er mir sogar noch etwas von seinem eigenen Essen ab – obwohl mein Teller schon gut gefüllt war. Eine schöne Geste, die ich sehr wertschätzte.

Nach diesen Gesprächen, die mir im Kopf noch lange nachklangen, erledigte ich meine Abendroutine – und fiel müde, aber zufrieden ins Bett.