Tag
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Vertrauensbruch und eine unerwartete Begegnung am Schlafplatz

Am nächsten Morgen weckte ich Azizbek und ließ mich zu meinem Fahrrad fahren. Ich wollte meine Sachen wieder an ihrem Platz verstauen, bemerkte jedoch, dass mehrere Taschen durchwühlt waren. Am Vortag hatte er mir noch versichert, dass Überwachungskameras vorhanden seien und der Abstellplatz sicher sei. Diese Zusicherung erwies sich als trügerisch. Ich war verärgert, da ich nicht wusste, wer und aus welchem Motiv die Taschen durchsucht hatte. Glücklicherweise fehlte nichts Materielles, jedoch konnte ich 100 US-Dollar aus meinem Notgeld nicht mehr auffinden.

Die Möglichkeiten waren beschränkt: Entweder Azizbek selbst, jemand aus seiner Familie oder ein Fremder – wobei ich Letzteres für unwahrscheinlich hielt – hatte an meinen Taschen hantiert. Auf meine Konfrontation hin behauptete Azizbek, das Fahrrad sei umgefallen. Da ich es jedoch so abgestellt hatte, dass es kaum umfallen konnte, war ich überzeugt, dass er die Taschen durchsucht hatte. Enttäuscht und wütend über diesen Vertrauensbruch zog ich mich an, verabschiedete mich und setzte meine Reise fort. Diese unangenehme Erfahrung beschäftigte mich noch den ganzen Tag.

Das Fahrradfahren gestaltete sich erneut mühsam, da der Wind von vorne kam und viel Kraft kostete. Nach mehreren kurzen Pausen erreichte ich einen kleinen Supermarkt, wo ich ausreichend Wasser für die kommenden 2 bis 3 Kilometer kaufte, denn dort wollte ich mein Nachtlager aufschlagen. Ich fragte die Verkäuferin nach einem geeigneten Schlafplatz. Mithilfe von Google Translate erfuhr ich, dass sich in der Nähe ein schöner Fichtenwald befinden sollte. Allerdings fand ich keine derartige Vegetation vor.

So schlug ich mein Zelt am Rand eines Feldes auf, das am weitesten von den umliegenden Dörfern entfernt lag. Beim Aufbau wurde ich schnell bewusst, dass auf dem kleinen Kiesweg in Sichtweite meines Zeltes regelmäßig Autos vorbeifuhren und Passanten entlanggingen. Bald standen sieben Menschen um mich herum und versuchten, mit mir in Kontakt zu treten. Alle waren sehr interessiert und freundlich, doch ich war innerlich nicht in der Verfassung, mich voller Begeisterung auf Gespräche einzulassen. Nach dem Vertrauensbruch am Morgen brauchte ich Zeit für mich, um das Erlebte zu verarbeiten.

Trotzdem blieb ich höflich und offen, während ich parallel meine Abendroutine abschloss und mich ins Bett legte. Nach und nach verschwanden auch die neugierigen Besucher und kehrten in ihre Häuser zurück.