Tag
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Ein Tag in der Wüste – Zwischen Sonne, Kamelen und neuen Begegnungen

Am Morgen weckte mich die bereits kräftige Sonne. Ich genoss den weiten Blick auf das große Felsmassiv und die faszinierende, beinahe erschreckend stille Wüstenlandschaft. Vincent und ich entschieden uns heute, wieder getrennte Wege zu gehen. Vermutlich werden wir uns ab und an begegnen, doch jeder möchte die Reise in seinem eigenen Tempo fortsetzen.

Um 8:00 Uhr packte ich mein Zelt zusammen – die Sonne war da schon ziemlich stark. Gegen 9:00 Uhr brach ich auf in Richtung Shetpe. Dort wollte ich meine Wasservorräte auffüllen, etwas zu essen besorgen und vor allem Bargeld abheben – was sich als die größte Herausforderung des Tages herausstellen sollte.

Google Maps zeigte mehrere Banken an, doch bei der ersten wurde mir gesagt, dass dort kein Geld abgehoben werden kann. Ein freundlicher Bankangestellter verwies mich auf eine andere Filiale. Dort angekommen, war die Tür jedoch mit einem massiven Riegel versperrt. Gegenüber lag eine Polizeistation, also fragte ich dort nach. Die Beschreibung des Polizisten war etwas vage, weshalb ich nochmals jemanden um Hilfe bitten musste. Letztlich fand ich die richtige Bank und konnte endlich Bargeld abheben – in Kasachstan oft die einzige Möglichkeit, außerhalb der Großstädte zu bezahlen.

Bis ich mit allem fertig war und Shetpe wieder verlassen konnte, waren über zwei Stunden vergangen. Die Sonne stand inzwischen hoch am Himmel und brannte erbarmungslos. Die trockene Wüstenluft machte das Weiterfahren noch anstrengender. Nach rund 50 Kilometern erreichte ich eine kleine Raststätte, wo ich Wasser trank und mich mit Nüssen und Keksen aus meiner Vorratsbox stärkte. Dort traf ich auch Vincent wieder, der schon deutlich früher gestartet war, aber lieber alleine weiterziehen wollte.

Während der Fahrt machte mir mein hoher Puls Sorgen – trotz gemäßigtem Tempo lag er dauerhaft zwischen 150 und 160. Bei Bergetappen habe ich sonst selten mehr als 140. Diese Hitze war eine echte Belastung, also entschied ich mich, das nächste Dorf anzusteuern – das letzte für die kommenden 70 Kilometer.

Das Dorf war klein, und viele Häuser schienen unbewohnt. Bei der ersten Tür hatte ich kein Glück – die Frau war schwanger und wollte keinen Gast aufnehmen. Beim nächsten Haus zögerte die Bewohnerin zunächst, bot mir dann aber ihre Hilfe an. Ich wollte gerade mein Fahrrad holen, als ein Mann es begutachtete. Er war der Bewohner des ersten Hauses, an dem ich geklopft hatte. Nach einer kurzen Erklärung meiner Situation bot er mir spontan eine Übernachtung bei seiner Familie an – ich war unglaublich erleichtert.

Im Haus wurde mir sofort ein Platz zum Ausruhen hergerichtet, doch lange kam ich nicht zur Ruhe. Auf dem Tisch warteten bereits viele Leckereien – Nüsse, Kamelbeeren, süßes Gebäck. Mein Gastgeber Raschid ist Kamelzüchter und stellt aus der Milch nicht nur Käse, sondern auch eine Art Marzipan her. Beides war sehr lecker.

Nach dem Essen ging es zu den Kamelen. Ein Kollege hatte die Herde bereits mit dem Motorrad vom Feld geholt. Die Kälber warteten im Stall, während die Mütter nacheinander hereingeführt wurden. Während die Jungen tranken, melkte eine Frau unbemerkt das Kamel. Diese Nähe zu den Tieren und die Einblicke in das Leben eines Kamelzüchters waren unglaublich faszinierend.

Als die Kamele versorgt waren, wurden die Ziegen freigelassen, die Hühnernester kontrolliert und frische Eier in die Küche gebracht. Später holte derselbe Kollege die Pferde von der Weide. Was ich dort sah, stimmte mich traurig: Viele der Pferde trugen Metallhaken an den Hufen, um sie am schnellen Laufen zu hindern. Eines hatte sich dabei verletzt. Die folgende Behandlung war für mich schwer mit anzusehen: Das Tier wurde mit Schlingen fixiert, zu Boden gezwungen, zitterte, wieherte panisch – ich empfand das als Tierquälerei, auch wenn mir bewusst ist, dass hier andere Traditionen herrschen.

Trotz dieser harten Eindrücke suchte ich das Gespräch mit den Bauern, mit Hilfe von Google Übersetzer. Es war spannend, auf diese Weise mehr über ihre Sichtweisen, ihren Alltag und die Lebensweise in dieser abgelegenen Region zu erfahren.

Als die Sonne unterging, kehrten wir ins Haus zurück. Die Frauen bereiteten das Abendessen vor, während die Männer einfach Platz nahmen – ein Rollenbild, das mich erneut nachdenklich stimmte. Das Essen war reichhaltig und vielfältig – Reis, Brot, Kekse, Nüsse.

Später wurde mir eine Matratze mit Decke in einem separaten Raum zurechtgelegt. Ich legte mich hin – dankbar, erschöpft und voller Eindrücke. Heute Morgen hätte ich nicht gedacht, dass der Tag so verlaufen würde.