Aufbruch in die kasachische Weite – Ein neuer Tag auf dem Rad
Am nächsten Morgen checkte ich noch einmal alles an meinem Fahrrad: Ich stellte die Ortlieb-Haken an meinen Fahrradtaschen neu ein, cremte mich gründlich mit Sonnencreme ein und bereitete mich auf den Tag vor. Auch Vincent war startklar, doch bevor wir wirklich losfahren konnten, mussten wir noch eine kleine bürokratische Pflicht erledigen: die Abholung unserer Immigrationspapiere vom Hotel. In Kasachstan ist es nämlich Vorschrift, sich registrieren zu lassen – fehlt dieser Nachweis bei der Ausreise, kann es zu Geldstrafen kommen. Also lieber auf Nummer sicher gehen.
Bevor es losging, prüften wir noch ein letztes Mal die Route für die kommenden Tage und deckten uns mit ausreichend Wasser ein. Denn nach etwa 20 Kilometern sollte laut Karte für rund 90 Kilometer keine Einkaufsmöglichkeit mehr kommen. In dieser kargen, aber beeindruckenden Halbwüstenlandschaft ist gute Vorbereitung essenziell.
Die Strecke war einfach atemberaubend. Die Weite, die Trockenheit und zugleich die Farbenpracht der Steppe faszinierten mich immer wieder aufs Neue. Die Straße schlängelte sich durch eine fast surreal anmutende Welt. Immer wieder begegneten uns hupende Autofahrer – nicht aus Ungeduld, sondern als Zeichen der Anerkennung. Viele winkten begeistert oder streckten den Daumen nach oben. Nach einigen Kilometern hielt ein Autofahrer an und drückte mir lächelnd eine Wasserflasche in die Hand. Ich hatte zwar selbst genug dabei, trank sie aber gerne aus – allein schon wegen der netten Geste.
Etwa 20 Kilometer weiter hielt der nächste an und schenkte mir eine Flasche 7up. Ich konnte nicht alles mitnehmen und hatte nur noch Platz für eine Flasche am Rad. Wenige Minuten später hielt wieder jemand an und wollte mir einen Energydrink geben – dieses Angebot musste ich schweren Herzens ablehnen. Ich hatte bereits genug Flüssigkeit dabei, und irgendwann muss ich auch realistisch einschätzen, was ich tragen und gebrauchen kann.
Trotz dieser kleinen „Luxusprobleme“ war ich überwältigt von der Freundlichkeit der Menschen hier. Immer wieder kamen interessierte Fragen, ehrliche Begeisterung für unsere Reise und eine Wärme, die mir sehr guttut.
Nach etwa 85 Kilometern, einigen kleineren Hügeln und den ersten richtigen Eindrücken der kasachischen Landschaft, machten wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz. In der offenen Weite der Wüste ist das gar nicht so leicht – ungestört und ungesehen zu bleiben, ist hier schwieriger als anderswo. Wir fanden schließlich einen schmalen Sandweg, der etwa einen Kilometer von der Straße wegführte. Dort, hinter einem kleinen Hügel, konnten wir unsere Zelte zwischen typischer Wüstenvegetation aufstellen – ruhig, geschützt und mit schöner Aussicht.
Ich genoss den Sonnenuntergang bei einer Handvoll Nüsse – die gaben mir genau die Proteine zurück, die ich über den Tag verbraucht hatte. Vincent machte sich Quinoa mit Gemüse, ich aß noch Brot mit Erdnussbutter. Die Abendroutine hatte ich heute bereits vor dem Essen erledigt, also konnte ich nach dem Abwasch direkt ins Zelt.
Ich bin todmüde ins Bett gefallen – aber auch glücklich. Ich merke, wie mein Körper sich erst wieder an die tägliche Belastung gewöhnen muss, nachdem ich ein paar Tage nicht geradelt bin. Trotzdem freue ich mich schon jetzt auf den nächsten Tag auf dem Fahrrad – durch die Weiten Kasachstans.






