Tag
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Versunkene Dörfer, holprige Pfade und ein Wintergarten als Unterkunft

Heute früh wachte ich in dem kleinen, leerstehenden Haus auf und nutzte die Gelegenheit, mir den See noch einmal genauer anzuschauen. Ein faszinierender, fast surrealer Anblick: Vor ein paar Jahren ist der Damm am Karakurt-See gebrochen und hat die halbe Ortschaft überschwemmt. Eine Moschee und mehrere Häuser stehen seitdem als Ruinen mitten im Wasser – ein Lost Place, der still, traurig und gleichzeitig beeindruckend wirkt.

Um 8:30 Uhr war ich zum Frühstück bei der Familie eingeladen, die mir auch am Vorabend so großzügig geholfen hatte. Ich aß mich satt, bedankte mich herzlich und packte anschließend meine Sachen. Immer mehr Kinder aus dem Dorf kamen neugierig vorbei, beobachteten mich beim Packen und bestaunten mein Fahrrad – ein kleines Highlight im sonst ruhigen Dorfleben.

Danach ging es wieder bergauf – auf über 2000 Meter. Die Sonne schien, der Wind kam leicht von hinten, und die Aussicht war fantastisch. Mal wieder ideale Bedingungen zum Radfahren. So fuhr ich stetig Richtung Kars. In der Stadt angekommen, wurde es allerdings hektisch. Der Verkehr war chaotisch: Roller, Autos, Busse – alles durcheinander, ohne klare Regeln. Ich musste voll konzentriert bleiben, um nicht einfach übersehen zu werden.

Nachdem ich Kars durchquert hatte, erwartete mich erneut ein großer Anstieg. Zunächst ging es bergab ins Tal, doch dann wieder hoch – erneut auf über 2000 Meter. An der letzten Tankstelle vor dem Aufstieg füllte ich noch meine Benzinkartusche fürs Kochsystem und meine Wasserflaschen auf. Während des Anstiegs hielten zwei Transporter an, deren Fahrer mir anboten, mich mit meinem Fahrrad mitzunehmen – ein Angebot, das ich freundlich ablehnte. Es bleibt für viele Menschen hier schwer nachvollziehbar, dass jemand freiwillig diese Strapazen auf sich nimmt – und dabei auch noch Freude daran hat.

Als ich am Çıldır-See ankam, wurde die Straße zunehmend schmaler – bis sie schließlich ganz aufhörte. Was folgte, war ein übler, steiniger Pfad. Faustgroße Steine ragten aus dem Boden, sodass ich kaum schneller als fünf km/h fahren konnte. Ich hatte ständig Angst, mir den Reifenmantel aufzuschlitzen oder einen Durchschlag zu erleiden. Dieser Weg zog sich über acht Kilometer – und dazu ging es nochmal 120 Höhenmeter bergauf, auf über 2100 Meter.

Dann begann es zu regnen. Der Wind frischte auf, dunkle Wolken entluden sich, und mir wurde plötzlich richtig kalt. Ich zog schnell meine Jacke über und hielt Ausschau nach einer Unterkunft. Mein Plan war, im nächsten Dorf jemanden zu fragen. Just in dem Moment kam mir ein Transporter auf dem holprigen Weg entgegen. Ich fragte den Fahrer, ob er wüsste, wo ich hier übernachten könne. Er sagte mir, dass ich in rund 10 Kilometern die nächste Stadt erreichen würde – allerdings war ich komplett erschöpft. 142 Kilometer und über 1600 Höhenmeter lagen bereits hinter mir, ich hatte keine Kraft mehr für weitere 10 Kilometer.

Er erklärte mir, dass ich in diesem Dorf in jedes beliebige Haus gehen könne – sie seien alle Ferienhäuser, die aktuell unbewohnt seien. Ich suchte also nach einem offenen Haus, doch alle waren abgeschlossen. Bei einem Haus fand ich einen Wintergarten direkt am Gebäude – überdacht und windgeschützt. Das war meine Rettung. Zwar hatte ich ein leicht mulmiges Gefühl, in einem fremden Wintergarten zu schlafen, aber da der Mann mir das ausdrücklich erlaubt hatte, fühlte ich mich sicher genug.

Mein Wasser war inzwischen aufgebraucht, aber zum Glück hatte ich meinen Wasserfilter dabei. Am See filterte ich frisches Wasser und kochte mir anschließend Nudeln. Völlig erschöpft fiel ich nach einem langen, intensiven Tag ins Bett – 142 Kilometer, 1600 Höhenmeter, steinige Pfade und ein neues Abenteuer mehr.