Tag
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Gegenwind, Gastfreundschaft und Behördenstress

An diesem Morgen wachte ich früh auf und warf einen Blick aus dem Fenster: Regen. Laut Wetterbericht sollte es auch noch ein paar Stunden weiterregnen. Also drehte ich mich nochmal um und gönnte mir eine halbe Stunde mehr Schlaf. Danach raffte ich mich auf und genoss das ausgesprochen gute Frühstücksbuffet im Hotel – eines der besten bisher. Satt gegessen wartete ich noch ein wenig, bis der Regen nachließ, zog mich dann an und machte mich auf den Weg Richtung Kars.

Der Regen hatte mittlerweile aufgehört, doch nun hatte ich mit starkem Gegenwind zu kämpfen. Der Wind blies mir frontal ins Gesicht und raubte mir ordentlich Energie – ziemlich demotivierend. Da heute viel Straße auf dem Plan stand, war das angesichts des Wetters aber die richtige Entscheidung. Trotz allem kam ich ganz gut voran.

Nach rund 60 Kilometern machte ich an einer Raststätte Pause und gönnte mir ein Mittagessen – für satte neun Euro. Für türkische Verhältnisse ein stolzer Preis. Ich vermute, ich wurde abgezogen, aber satt war ich auf jeden Fall. Mit frischer Energie ging es weiter.

An der Raststätte bot man mir an, mich samt Fahrrad mit dem Bus nach Kars mitzunehmen – ein Angebot, das ich dankend ablehnte. Für mich gilt: Solange es irgendwie geht, will ich meine Strecke komplett selbst fahren. Später hielt ein Transporter neben mir an, auch hier bot man mir Hilfe an – wieder lehnte ich freundlich ab. Diese Hilfsbereitschaft schätze ich sehr, auch wenn viele hier einfach nicht verstehen, dass man freiwillig mit dem Rad durch Wind und Wetter fährt – und dabei sogar Spaß hat.

Als ich mich schließlich an den Anstieg eines größeren Berges machte, wurde ich mit einem absolut traumhaften Panorama belohnt. Die Sonne kämpfte sich langsam durch die Wolken und tauchte die Landschaft in ein warmes Licht. Es wurde sogar ein bisschen wärmer – aber da es schon spät war, senkte sich die Sonne bald wieder, und mit dem Wind wurde es schnell wieder kalt.

Mein Ziel war heute der Karakurt-See. Doch als ich dort ankam, war mir ehrlich gesagt zu kalt, um mein Zelt aufzubauen und meine Abendroutine durchzuziehen. Also hielt ich Ausschau nach Menschen. Ich traf zunächst zwei Teenager, die mir aber nicht weiterhelfen konnten. Als ich dann einen Traktorfahrer sah und ihm meine Situation erklärte, deutete er mir, ihm zu folgen. Er brachte mich zu einer Wiese mit toller Aussicht auf den See – dachte aber, ich suche nur einen Platz zum Zelten.

Nach einigem Hin und Her lud er mich schließlich doch zu sich und seinen Eltern nach Hause ein. Dort wurde direkt der Ofen für mich angefeuert und ich bekam ein köstliches Abendessen serviert: frisches Weißbrot, eine besondere Butter von den eigenen Kühen, Käse, Honig mit Wabe von den eigenen Bienen, Oliven aus dem eigenen Garten und natürlich türkischer Tee. Ein richtiger Bauernhof-Teller – alles hausgemacht.

Wir unterhielten uns über Google Translate, was erstaunlich gut funktionierte. Nach einer Weile kam noch jemand dazu – der Bürgermeister des kleinen Dorfes mit rund 200 Einwohnern. Er wollte meinen Ausweis sehen und musste meine Anwesenheit bei der Polizei melden. In dieser Region der Osttürkei, wo viele Kurden leben, herrschen besonders strenge Regeln für ausländische Gäste.

Als ich fragte, ob ich in dem Raum schlafen könnte, wurde mir mitgeteilt, dass die Polizei das leider nicht erlaubt. Man fragte mich, ob ich 25 Kilometer weiter zum nächsten Hotel radeln wolle – bei Dunkelheit, Kälte und 132 Tageskilometern auf dem Tacho natürlich ein klares Nein von mir. Auch ein Taxi lehnte ich ab.

Nach kurzer Beratung zwischen mehreren Dorfbewohnern wurde entschieden, dass ich in einem leerstehenden Haus im Dorf schlafen darf. Dort breitete ich mich aus, machte meine übliche Abendroutine mit Stretching, der Faszienrolle, meiner Po-Creme und dem Massageöl für die Knie.

Für den nächsten Morgen wurde ich noch zum Frühstück um 8 Uhr eingeladen – eine Aussicht, auf die ich mich jetzt schon freue. Die Menschen hier waren unglaublich nett und hilfsbereit, aber man merkte deutlich, dass hier in der Region eine gewisse Anspannung herrscht – ganz anders als bei meinen bisherigen Gastgebern in der Westtürkei.